|
 |
| Markus Warnke, Geschäfstführer des Familienbundes der Katholiken |
In der Diskussion um die frühkindliche Bildung taucht die Forderung nach einer Kindergartenpflicht für das letzte Jahr vor
der Schule immer wieder auf. Ein Pflichtbesuch verbessere vor allem die Sprachkenntnis der Kinder, argumentieren die Befürworter
dieser Maßnahme, wie Bundespräsident Horst Köhler. Die Fakten allerdings widerlegen diese Behauptung: Denn rund 95 Prozent aller Kinder in Deutschland besuchen heute schon im
letzten Jahr vor der Schule einen Kindergarten. Das Problem ist, dass etwa 80 Prozent der ausländischen Kinder und sogar 30
Prozent der deutschen Kinder mit Sprachdefiziten in die Schule kommen, obwohl sie den Kindergarten besucht haben. Das Problem
sind daher nicht die Kinder, die keinen Kindergarten besucht haben, sondern die Kinder, die einen Kindergarten besucht haben
und trotzdem mit Sprachdefiziten in die Schule kommen. Eine Kindergartenpflicht alleine ändert an dieser Situation gar nichts. Vielmehr müssen die Qualität der frühkindlichen Bildung
und vor allem die Sprachförderung im Kindergarten verbessert werden. In der Praxis aber fehlen oft ausreichende Betreuungsschlüssel,
ausreichende Raumkapazitäten und eine gute Ausstattung mit Spiel- und Arbeitsmaterial. Und auch eine Verbesserung der Erzieherinnen-Ausbildung,
möglichst auf Fachhochschulniveau, steht längst an.Ohne eine Verbesserung der Rahmenbedingungen und der Qualität in den Kindergärten
bringt ein Zwangsaufenthalt von Kindern wenig. Der Familienbund der Katholiken ist der Auffassung, dass bei allen Überlegungen zur frühkindlichen Bildung das Recht des Kindes
auf bestmögliche individuelle Förderung im Mittelpunkt stehen muss. Dieses Recht darf nicht überlagert werden von gesellschaftlichen
Ansprüchen an das Kind. Kinder wollen in ihrer Einzigartigkeit respektiert und gefördert werden. Die beste Förderung von Kindern
aber leistet die eigene Familie. In der Familie werden die wesentlichen Fähigkeiten und Wertorientierungen grundgelegt, in
ihr fängt Bildung an.
"EIne Kindergartenpflicht alleine löst nicht das Problem der Sprachdefizite!"
Was zum Wohl des Kindes geschieht, entscheiden in der Regel am besten die Eltern. So sind manche Kinder schon früh bereit,
sich für einige Stunden von den Eltern zu trennen, andere erst später. Einzelkinder profitieren stärker vom Kindergarten als
Kinder, die Geschwister haben. Eltern müssen also entscheiden können, in welchem Umfang sie die Erziehung und Betreuung ihrer
Kinder selbst übernehmen oder dafür Angebote außerfamiliärer Bildung und Betreuung hinzuziehen. Eine Kindergartenpflicht steht
diesem Recht auf Wahlfreiheit entgegen. Um klarzustellen: Zur Wahlfreiheit gehört auch eine bedarfsdeckende Struktur von Betreuungsangeboten, die den Bedürfnissen
der Kinder, aber auch den Anforderungen der Eltern gerecht wird. Deshalb muss der Ausbau der Kinderbetreuung quantitativ und
qualitativ weiter vorangebracht werden. Investitionen in die Kinderbetreuung können jungen Menschen die Entscheidung für ein
Kind erleichtern und sind darüber hinaus ein Weg für mehr Chancengleichheit der Geschlechter. Gerade die Kirchen sind aufgefordert,
ihr Betreuungsangebote auch im Hinblick auf ihre pastorale Verantwortung aufrechtzuerhalten. Aber Kindertagesstätten können und wollen kein Familienersatz sein. Denn über Bildung entscheiden weder Kindergarten noch
Schule, sondern in erster Linie die Eltern. Sie müssen in ihrer Erziehungsaufgabe unterstützt werden, das ist eine primäre
Aufgabe von Staat und Gesellschaft. Eltern brauchen familien-, sozial- und arbeitsmarktpolitische Bedingungen, die es ihnen
ermöglichen, ihre Kinder umfassend selbst zu erziehen. Eine Kindergartenpflicht brauchen weder Kinder noch Eltern.
Dr. Markus Warnke, Familienbund der Katholiken, Bundesgeschäftsstelle Berlin.
|
|