Verband Kath. Tageseinrichtungen für Kinder (KTK)- Bundesverband e.V. - Titelthema 6/07

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6/07
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Editorial 6/07
Titelthema 6/07
Standpunkt 6/07
Stichwort 6/07

 

Erziehen braucht Philosophie

Warum eine philosophische Grundhaltung für Erzieherinnen unverzichtbar ist.

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Erzieherin mit Kindern.

Meine Oma war eine bemerkenswerte Frau. Sie konnte gut kochen und noch besser Kuchen backen. Sie konnte Klickerbeutel nähen und diese reparieren, wenn sie Löcher bekamen.Sie konnte einen in den Arm nehmen und trösten, ohne einem die Luft wegzunehmen. Sie hat uns das Kreuzeichen beigebracht (mit einen so ernsten Gesicht, dass ich dieses Ritual lange Zeit für eine Gottesbeschwörung gehalten habe).

Meine Oma hat viel gearbeitet, sie konnte verschmitzt lächeln und manchmal auch herzhaft lachen - und sie konnte denken. Ich kam dahinter, als sich mit dem Philosophieren anfing. Damals - ich muss so knapp über Drei gewesen sein - war meine Lieblingsfrage an die Erwachsenen: Warum?

Das war zugleich eine Testfrage, aber das haben die nicht gemerkt. Ich aber habe so herausbekommen, dass mein Vater zwar schrecklich klug war, aber besser denken konnte trotzdem meine Oma. Weil ich sie verstanden habe und weil wir immer, wenn ich sie etwas gefragt habe, plötzlich gemeinsam nachgedacht haben.

Wenn ich überlege, wie meine Oma es geschafft hat, mich mit ihren Gedanken zu verzaubern und mich in "ernste Gespräche" zu verwickeln, dann muss ich feststellen: Das Philosophieren über Gott und die Welt gehörte offenbar zu ihrem Erziehungskonzept.

Immer wieder sie es geschafft, mich zum Nachdenken zu bringen - und zwar mitten im Alltag: wenn sie mir beim Anziehen half, die Schuhe band, mit einem Kamm meine Haare zu bändigen versuchte, beim Kochen oder Abwaschen. Und das hat obendrein noch Spaß gemacht, weil ich meine Oma sich dafür interessiert hat, was ich gerade dachte und was ich dabei herausgefunden hatte.

Anders mein Vater: Wenn ich an ihn eine Frage gestellt habe, mit der ich hinter eine Sache kommen wollte, dann hat er immer die Stirn in Falten gelegt und gesagt: "Das ist eine schwierige Frage, da muss man ja richtig drüber nachdenken!" Und dann hat er sich - wenn er mal die Zeit dazu hatte - zu mir gesetzt und mich mit Gegenfragen dazu bringen wollen, eine Antwort auf meine anfangs gestellte Frage zu finden. Heute würde ich sagen, er hat mich in meinem Nachdenken so gesteuert, dass ich zu einem bestimmten Ergebnis kommen musste. Und dann war er stolz auf mich - oder auf sich, weil er mich zu einer Antwort geführt hatte, das habe ich nie rausbekommen.

Meistens war aber die Reaktion meines Vaters: "Ich habe jetzt keine Zeit. Wir reden heute Abend darüber." Am Abend standen dann in unserer großen Familie ganz andere Dinge an.

Anfangs dachte ich in solchen Situationen, dass mein Vater mir bewusst etwas verschweigen wollte. Denn er war, wie schon gesagt, sehr gescheit. Er wusste viel über Autos und Maschinen, über Geschichte unseres Dorfes und unseres Landes, er kannte die Namen der Sterne am Himmel und wusste, warum der Mond in der Nacht leuchtet. Aber er hat mit mir nie richtig darüber gesprochen, er hat mir nur die Dinge erklärt.

Mein Vater und meine Oma sind mir als erstes eingefallen, als ich über das Thema "Erziehen braucht Philosophie" nachzudenken begann. Beide Personen haben mich und meine Geschwister erzogen, nachhaltig. Aber nur meine Oma war eine Philosophin, weil ich nur mit ihr philosophieren konnte.

Erziehen braucht Philosophie. Bei diesem Satz denke ich nicht als erstes daran, dass jedem Erziehen eine Philosophie, also eine plausible Theorie zugrunde liegen muss (was natürlich stimmt). Ich denke zuerst daran, dass beim Erziehen immer auch philosophiert wird. Vor allem von den Kindern, weil sie so viele Fragen haben und sich ständig einen Reim aus den Antworten, Redens- und Verhaltensweisen der Erwachsenen und aus den Vorgängen um sie herum machen müssen.

Bevor allerdings der Zusammenhang zwischen "Erziehen und Philosophie" bedacht wird, ist es sinnvoll, sich nochmals zu vergewissern, was geschieht, wenn Kinder philosophieren.



Wenn Kinder philosophieren, ...
...dann stellen sie Fragen. Diese gehen über Alltagsfertigkeiten hinaus wie beispielsweise die Frage "Wie macht man die Dose auf?" oder "Warum muss ich jetzt schon ins Bett, obwohl wir Besuch haben und wir mit ihm so gemütlich beisammen sitzen?"

Die philosophischen Fragen der Kinder gehen "tiefer", weil sie erstens begreifen wollen, warum bestimmte Dinge gesetzmäßig passieren - beispielsweise dass Menschen und Tiere sterben, dass man immer wieder Hunger bekommt, obwohl man doch vor kurzem erst zu Mittag gegessen hat. Weil sie zweitens mit den Widersprüchlichkeiten unter den Menschen zurecht kommen wollen: Warum ist Peter so gemein zu mir, obwohl der doch mein Freund ist? Warum gibt Mama dem Bettler auf der Parkbank, der ein großes Schild vor sich stehen hat mit etwas Geschriebenem drauf, immer Geld und redet freundlich mit ihm, während mein Vater sagt: "Der Penner sollte arbeiten gehen, wie das alle anständigen Leute tun"?

Weil sie drittens sich selbst auf die Spur kommen wollen: Wo war ich, bevor ich auf die Welt kam? Warum bin ich ein Junge und Anna ein Mädchen? Haben Mama und Papa mich ausgesucht und warum haben sie nicht den Sven von Tante Angelika genommen?

Weil sie viertens ein Gespür dafür haben, was gut und böse, gerecht und gemein ist und sie wissen wollen, warum es so vielen Menschen schlecht geht: Wie kommt der Hunger in die Welt? Warum gibt es Krieg? Warum haben manche Menschen ganz viel Geld, womit sie sich viele schöne Sachen kaufen können, und andere haben immer zu wenig Geld, obwohl sie arbeiten gehen?

Solche Fragen zeigen: Kinder fragen nicht wahllos, einfach aus dem Bauch heraus. Ihre Fragen zeigen eine Logik des Erkennenwollens. Und sie sind immer Ausdruck für komplexere Themen, mit denen sich die Kinder befassen. Dabei bleiben sie allerdings nicht beim Fragen stehen, sondern sie geben sich oft selbst eine Antwort und bilden sich eine Theorie.



Wenn Kinder philosophieren, ...
... dann bilden sie Theorien. Diese haben immer mit dem konkreten Leben zu tun. Philosophierende Kinder befinden sich niemals in einem Wolkenkuckucksheim. Die Dinge, hinter die sie steigen wollen, haben immer etwas mit ihnen zu tun und meist auch mit den Menschen um sie her. Kinder philosophieren in der Regel nicht nach Stundenplan, und sie steigen auch bald aus, wenn sie merken - wie ich bei meinem Vater damals -, dass sie gesteuert und über etwas belehrt werden, was sie durch ihre Fragen selber begreifen wollen.



Wenn Kinder philosophieren, ...
... dann sind sie nicht nur mit dem Kopf dabei. Sie zeigen ihre Gedankenarbeit, die oft mit Gefühlsarbeit gekoppelt ist, im Ausdruck ihrer Augen und ihres Gesichts, in ihrer Gestik und in den Bewegungen ihres Körpers. Denn die Themen, die sie intensiv beschäftigen, bewegen auch Herz und Gemüt. Das sucht immer einen Ausdruck über den Körper. Kinder philosophieren mit Kopf, Herz und Verstand.



Wenn Kinder philosophieren, ...
dann zeigt sich das auch in ihren Handlungen. Denn Kinder wollen Entdeckungen und Erkenntnisse umsetzen, indem sie sie an andere - meistens an andere Kinder - weitersagen; indem sie mit anderen darüber diskutieren; indem sie tun, was sie als richtig erkannt.

Titelthema 6/07 1
Kinder philosophieren, weil sie die Welt verstehen wollen.

Aus dieser Vergewisserung über die Eigenart des kindlichen Philosophierens lassen sich erste Schlussfolgerungen für die erzieherische Praxis ziehen.


Konsequenzen

Für Eltern wie für Erzieherinnen kann das Thema "Mit Kindern philosophieren" nicht zu den Sternchenthemen zählen, also zu solchen, die dann dran sind, wenn alle anderen "praktischen" Erziehungsfragen abgearbeitet sind.

Kinder philosophieren aus sich heraus, weil sie ein elementares Bedürfnis haben, die Dinge zu begreifen, sich selbst nach etwas auszurichten. Sie haben noch Lust auf Wahrheit. Sie wollen auf eigene Rechnung. Und sie sind auch bereit, die Rechnung zu bezahlen, also aus Irrtum und Fehler zu lernen, wenn man sie nicht bloß stellt, so dass sie sich dumm vorkommen müssen.

Für Erzieherinnen bedeutet dies:
1. Sie sollten Kindern zutrauen, dass sie philosophieren können. Das tun ausgewachsene Philosophen nämlich nicht immer. So schrieb etwa der Bonner Philosoph Wolfgang Kluxen: "Philosophie für Kinder ist ein auferlegter Schwindel."

2. Erzieherinnen sollten sich selbst eine Neugier für Fragen des Lebens bewahren und die Lust, mit anderen darüber nachzudenken.

3. Erzieherinnen wissen, wie wichtig Vorbilder für Kinder sind und dass sie selbst immer wieder als solche ausgesucht werden. Das gilt auch für die Art und Weise, wie Kinder lernen nachzudenken, Fragen zu stellen, Antworten zu finden, Zusammenhänge zu begreifen. Eine Erzieherin mit fertigen Antworten auf jede Frage ist langweilig. Eine neugierige Erzieherin, die eine Sache ergründen will, ist das ideale Vorbild für philosophierende Kinder.

4. Mit Kindern philosophieren geht in der Regel nicht nach Stundenplan - was nicht heißt, dass man nicht Situationen schaffen kann, in denen sich die Kinder auf das Nachdenken einlassen. Eine zum Fragen, Untersuchen, Diskutieren anregende Kita-Ausstattung und -Atmosphäre erleichtert die Einbindung der Kinderphilosophie in den Spiel- und Lernalltag.

5. Erzieherinnen wissen, dass Kinder keine Intellektuellen sind, sondern immer kontextuell denken und ihre Fragen oft mit starken Emotionen verbunden sind. Hans Ludwig Freese hat beobachtet, dass Kinder von "metaphysischen Urerlebnissen" umgetrieben werden wie den Erfahrungen von einer tief sitzenden Einsamkeit, von Angst, Zweifel, Unglücks- und Todesfantasien, von Heilssehnsüchten und Harmonieverlangen. Deshalb ist das Philosophieren mit Kindern mehr als eine intellektuelle Spielerei. Es betrifft die ganze Person und kann - wenn es von Erwachsenen dilettantisch begleitet wird - nachhaltige negative Wirkung für das grundständige Lebensgefühl und die Lebenseinstellung von Kindern haben.

6. Erzieherinnen wissen, dass die Fragen der Kinder oftmals letzte Dinge betreffen, die auch die religiöse Dimension berühren. Die Frage nach dem Woher und Wozu des Lebens, nach dem, was nach dem Tod kommt, wer eigentlich auf die Menschen aufpasst - für solche Fragen bieten die Religionen Antworten an. Kinder haben ein Recht darauf, auch diese kennenzulernen.

7.Wenn Erzieherinnen sich auf das Bedürfnis der Kinder nach einem Ergründen der Welt nicht einlassen, handeln sie unverantwortlich. Denn dann wird das Leben trivial. Der Kinderphilosoph Alexander Engelbrecht fordert stattdessen, dafür Sorge zu tragen, dass die Kinder ihr Staunenkönnen bewahren, dass sie eine Kultur der Nachdenklich erleben können, dass sie zum Denken angeregt und herausgefordert werden.

8. Erzieherinnen wissen, dass Kinder bei ihrem Nachdenken oft Bilder und Symbole benutzen und ihre Gedanken in mythische Geschichten kleiden. Erzieherinnen können sich nur auf so philosophierende Kinder einlassen, wenn sie sich selbst ihren Sinn für Bilder und Symbole, für Geschichten und mythische Gestalten offen halten.

Offen bleiben für die Dinge, die "unbedingt angehen" (Paul Tillich), und sich dafür ein Reservoir an Wörtern, Bildern, Symbolen und Geschichten anlegen und die Kinder daran teilhaben lassen - wenn das gelingt, dann kann Erzieherin sein auch wieder zu einem persönlichen Gewinn werden.



Matthias Hugoth
Diplom-Theologe, Diplom-Pädagoge, Vertretung der Professsur Soziale Arbeit mit Schwerpunkt Erziehungswissenschaft und Pädagogik der frühen Kindheit an der Katholischen Fachhochschule Freiburg