Verband Kath. Tageseinrichtungen für Kinder (KTK)- Bundesverband e.V. - Standpunkt 6/07

www.ktk.caritas.de
6/07
Inhalt 6/07
Editorial 6/07
Titelthema 6/07
Standpunkt 6/07
Stichwort 6/07

 

Seiltanz auf der Großbaustelle

Die Rahmenbedingungen für die pädagogische Arbeit in Kindertageseinrichtungen schreien zum Himmel. Unter den gegebenen Voraussetzungen ist es für Erzieherinnen schwierig, den gewachsenen gesellschaftlichen Anforderungen gerecht zu werden. Wir haben in dieser Frage viel zu lange geschwiegen, kritisiert Frank Jansen.
Frank Jansen
Frank Jansen, Geschäftsführer KTK-Bundesverband

Die Ansprüche, die an Erzieherinnen gestellt werden, sind zweifelsohne berechtigt. Wir brauchen Kindertageseinrichtungen, die sich zu Familienzentren weiterentwickeln, die die erzieherische Kompetenz von Eltern stärken, in denen Kinder optimal gefördert werden.

Auch sind Kindertageseinrichtungen nicht mehr wegzudenken, in denen Kinder unter Drei einen Platz finden, die mit Angeboten der Kindertagespflege zusammenarbeiten, sich an lokalen Bündnissen beteiligen und in denen Bildungspläne eine große Rolle spielen. Auch wird niemanden in Frage stellen, dass das Beobachten und Dokumentieren kindlicher Entwicklungsprozesse oder die Evaluation der pädagogischen Arbeit sinnvoll ist.

Kostenneutral und ohne die entsprechenden Voraussetzungen funktioniert das alles nicht. Wir haben es momentan im Kita-Bereich mit einer Großbaustelle zu tun, für die jeglicher Bauplan fehlt.

Nehmen wir die Umsetzung der Bildungspläne. Innerhalb kürzester Zeit lag in jedem Bundesland ein entsprechender Grundriss vor. Sich aber alleine darauf zu beschränken, deren Inhalte im Rahmen von Fortbildungstagen zu verarbeiten, reicht nicht aus. In den wenigsten Bundesländern liegt eine durchdachte Implementierungsstrategie vor - ein Konzept, in dem die Begleitung der einzelnen Kindertageseinrichtungen vorgesehen und deren Finanzierung sichergestellt ist.

Wenn die Bedeutung der frühkindlichen Bildung in Kindertageseinrichtungen sowie deren Familien- und Netzwerkarbeit heute so hoch geschrieben wird, dann dürfen wir auch nicht müde werden, die hierzu erforderlichen Rahmenbedingungen immer wieder neu einzufordern. Wenn Bildung von Anfang an beginnt, dann sollte man auch in den Anfang investieren und Kindertageseinrichtungen nicht mehr länger als die armen Verwandten des Bildungssystems diffamieren.

Eine optimale Förderung von Kindern und der Aufbau familienunterstützender Leistungen setzen voraus, dass den pädagogischen Fachkräften mindestens 20 Prozent ihrer Arbeitszeit für die Vor- und Nachbereitung zur Verfügung stehen. Darüber hinaus ist es dringend erforderlich, der Empfehlung des Europäischen Netzwerkes für Kinderbetreuung zu folgen und das Verhältnis von pädagogischen Fachkräften und Kindern auf 1:8 bei den Drei- bis Sechsjährigen zu reduzieren.

" Kitas brauchen Verbündete, die vehement für bessere Rahemenbedingungen eintreten."

Die vom Statistischen Bundesamt kürzlich vorgelegten Eckwerte zur Kindertagesbetreuung zeigen, dass nicht einmal jede dritte Leiterin ihre Führungsaufgabe als überwiegende Tätigkeit ausüben kann. Trotz der zunehmend komplexeren und anspruchsvolleren Aufgaben, denen Erzieherinnen heute gegenüberstehen, wird die Arbeit von Kindertageseinrichtungen demnach mehr oder weniger nebenbei koordiniert und geleitet. Ein Zustand, der dringend einer Korrektur bedarf.

Mit Wertungen, die zum Ausdruck bringen, dass Kinder in deutschen Kindergärten chronisch unterfordert seien und dass das Qualifikationsprofil von Erzieherinnen miserabel sei, kommen wir in Zukunft nicht mehr weiter. Ganz zu Schweigen davon, dass solche Wertungen Ausdruck von Respektlosigkeit und Unwissenheit darüber sind, was Kindertageseinrichtungen heute leisten.

Wir brauchen eine Allianz für die Qualität von Kindertageseinrichtungen, und diese Qualität wird entscheidend von den Rahmenbedingungen abhängen. Aus Sorge davor, dass Erzieherinnen einer Ideologie des Jammerns verfallen, die jegliche Entwicklungsprozesse blockiert, haben wir viel zu lange geschwiegen. Kindertageseinrichtungen brauchen Verbündete in den Verbänden, wissenschaftlichen Instituten, Gewerkschaften und Erzieherinnenvereinigungen, die vehement dafür eintreten, dass auf die zahlreichen politischen Reden auch Taten folgen.



Frank Jansen
Geschäftsführer des Verbandes Katholischer Tageseinrichtungen für Kinder (KTK) - Bundesverband e. V.