|
|
|
|
Was tun gegen den Fachkräftemangel?
|
|
|
Stefan Sell rechnet nach und macht sich Gedanken über mögliche Lösungen.
|
|
|
Der Titel dieses Beitrags unterstellt, dass es einen Fachkräftemangel im System der Kindertagesbetreuung schon gibt oder demnächst
geben wird. Allerdings ist diese Feststellung so naheliegend sie angesichts des enormen Ausbaus der Angebote vor allem für
Kinder unter drei Jahren (U3) auch erscheint keineswegs empirisch gesichert. Bislang fehlen schlichtweg ausreichende Berechnungsgrundlagen,
um eine solche Behauptung aufstellen zu können. Die meisten Äußerungen, die einen solchen Personalmangel in den Raum stellen,
gehen von durchaus plausiblen Annahmen aus, die so eintreffen können, aber nicht müssen.
|
|
|
Da muss man aufhorchen, wenn die Bundesregierung in einer aktuellen Antwort auf eine Kleine Anfrage der SPD im Bundestag auf
die Frage Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung über den bereits bestehenden und in den nächsten Jahren erwarteten
Fachkräftemangel in der Kindertagesbetreuung? quasi amtlich antwortet: In der Qualifizierungsinitiative für Deutschland
wurde ein zusätzlicher Bedarf von 80.000 Erzieherinnen und Erziehern sowie Tagespflegepersonen auf der Grundlage der damals
verfügbaren Daten und demografischen Prognosen festgestellt, um das Ziel eines Betreuungsangebots von 35 Prozent der Kinder
unter drei Jahren zu erreichen. (Bundestags-Drucksache 17/714 vom
15.02.2010
, S. 8).
|
|
|
Anscheinend hat die Bundesregierung beziehungsweise das hier zuständige Bundesfamilienministerium eine sehr konkrete Vorstellung
über den Personalbedarf, den sie sogar auf eine Zahl zu verdichten in der Lage ist. Fragt sich nur, woher dieser Wert von zusätzlich 80.000 Fachkräften stammt?
|
|
|
Diese punktgenau daherkommende Schätzung muss mehr als überraschen. In einer der wenigen verfügbaren und immer wieder zitierten Quellen zum Thema Personalbedarf,
den Berechnungen von Schilling/Rauschenbach (2009), werden die folgenden Werte genannt: Für das Erreichen des Ausbauziels
von 35 Prozent Versorgungsquote im U3-Bereich werden (unter der Annahme, dass auch tatsächlich 30 Prozent der neuen Plätze
in der Tagespflege realisiert werden, wie das die Bundesregierung kalkulatorisch unterstellt hat) neben 38.000 zusätzlichen Tagespflegepersonen weitere 107.000 zusätzliche Fachkräfte für die Kindertageseinrichtungen erforderlich sein, hiervon entfallen 50.000 auf den U3-Ausbau und weitere 57.000 auf den altersbedingten Ersatzbedarf bis
2014. Nach einer Abschätzung der angenommenen Personaldeckung, zum Beispiel durch das Ausbildungssystem, kommen Schilling/Rauschenbach zu folgendem Befund übrigens ausschließlich für
die Einrichtungen: Unter dem Strich bleibt
bis 2014 noch eine rechnerische Lücke von knapp 27.000 Personen, die zusätzlich für dieses Arbeitsfeld qualifiziert und rekrutiert werden müssten. Dies bedeutet immerhin eine Steigerung der
Anzahl des Personals um circa 9 Prozent.
|
|
|
Unabhängig von der kritischen Anmerkung, dass die beiden Autoren mit sehr vereinfachenden Annahmen gearbeitet haben (zum Beispiel
gehen sie davon aus, dass alle Fachkräfte 30 Jahre im Beruf verbleiben) und unter Berücksichtigung der Tatsache, dass es sich
ausschließlich um eine Fortschreibung der gegebenen Personalverhältnisse handelt (die in der Fachdiskussion zu Recht als skelettös
apostrophiert werden), ist ein großes Fragezeichen an der zugrundeliegenden bedarfsdeckenden Quote von 35 Prozent für die
unter Dreijährigen zu setzen. Denn dabei handelt es sich primär um eine Planungsgröße, mit der man beim Krippenkompromiss
die notwendigen Finanzmittel und deren Aufteilung auf Bund, Länder und Gemeinden bestimmt hat. Im relevanten Kinderförderungsgesetz
(KiföG) findet sich dieser Wert nun gerade nicht, sondern das Gesetz bestimmt einen individuellen Rechtsanspruch auf einen
Betreuungsplatz ab dem vollendeten ersten Lebensjahr, der im Jahr 2013 scharf gestellt wird.
|
|
|
Insofern kann (und wird relativ plausibel) der tatsächliche Bedarf deutlich höher liegen als die kalkulierten 35 Prozent.
Das kann man bereits heute nicht nur in den städtischen Räumen erkennen, sondern auch in Bundesländern, die wie Rheinland-Pfalz
die gesamte Kinderbetreuung beitragsfrei gestellt haben. Dort zeigt sich, dass man mit den 35 Prozent definitiv nicht hinkommen
wird.
|
|
|
Vor diesem Hintergrund hat das rheinland-pfälzische Bildungsministerium im vergangenen Jahr das Institut für Bildungs- und
Sozialpolitik der Fachhochschule Koblenz beauftragt, eine umfangreiche empirische Bestimmung zur Frage Gibt es einen (drohenden)
Fachkräftemangel im System der Kindertagesbetreuung? zu erarbeiten. Die Ergebnisse für den Zeitraum 2009 bis 2020 liegen
nunmehr als Studie vor (vgl. Sell/Kersting 2010). Anders als Schilling/Rauschenbach geht diese Studie von mehreren Szenarien
aus in denen unterschiedliche Inanspruchnahmeverhalten der Eltern mit unterschiedlichen Verhaltensweisen der Fachkräfte
kombiniert werden. Dadurch spannt sich hinsichtlich des erforderlichen Personalbedarfs wie auch mit Blick auf die Personaldeckung
ein weiter Bogen auf.
|
|
|
Um diesen zu illustrieren, nur ein paar Zahlen aus der Studie: Derzeit sind in Rheinland-Pfalz 21.000 pädagogische Fachkräfte
tätig. Wenn die Inanspruchnahme der Eltern im U3-Bereich nicht über 35 Prozent liegt und zugleich die Gruppen maximal gefüllt
und die Arbeitsbedingungen des Personals an keiner Stelle verbessert werden, dann kann es durchaus gelingen, den Bedarf mit
dem vorhandenen Personalvolumen zu decken. Sollte allerdings die Nachfrage der Eltern tendenziell in Richtung der heute schon
in den ostdeutschen Bundesländern gegebenen Inanspruchnahmequoten gehen (wofür es gerade vor dem Hintergrund der bereits realisierten
Beitragsfreiheit für die Eltern in Rheinland-Pfalz plausible Argumente gibt), dann würden unter Berücksichtigung der heutigen
Personaldeckungsressourcen in den Jahren 2013 bis 2020 zwischen 11.000 und 19.000 pädagogische Fachkräfte fehlen. Dies verdeutlicht
bereits die enorme Herausforderung.
|
|
|
Allerdings sollte bei der Bewertung dieser Zahlen berücksichtigt werden, dass in dem zusätzlichen Bedarf an Fachkräften für
die Kitas auch ein Tagespflegeeffekt enthalten ist: 2009 wurden in Rheinland-Pfalz lediglich 1,4 Prozent der Kinder unter
drei Jahren in der Tagespflege betreut und dass 30 Prozent der neuen Plätze hier geschaffen werden können, ist doch mehr als
unrealistisch. Daraus folgt dann aber bei steigender Nachfrage ein größerer Betreuungs- und Personalbedarf in den Kitas. Zusätzlich
muss berücksichtigt werden, dass ein weiterer Teil des Personals in anderen Bundesländern so nicht anfallen würde, denn Rheinland-Pfalz
hat gerade im Krippenbereich erheblich bessere Personalstandards als vergleichbare Bundesländer, wenngleich diese immer noch
unter den Empfehlungen der Fachdiskussion liegen. Man kann die Rechnungen drehen und wenden, es bleibt eine Schlussfolgerung,
die das aktuelle Grunddilemma auf den Punkt bringt: Angesichts der Szenarien erscheint es unrealistisch, gleichzeitig eine Ausweitung der Kindertagesbetreuung (Betreuungsquoten
und Betreuungszeit) sowie eine Steigerung der Qualität (Personalschlüssel, Fortbildungen
) zu forcieren, ohne den Personalbestand
erheblich aufzustocken. (Sell/Kersting 2010: 16)
|
|
|
In der Rheinland-Pfalz-Studie wurden darüber hinaus wichtige Erkenntnisse gewonnen hinsichtlich der Frage, was man tun kann
(und muss), um einem Fachkräftemangel zu begegnen. So wurden erstmals umfassend die Beschäftigtenhistorie der Bundesagentur
für Arbeit (BA) sowie die Rentenversicherungsdaten der pädagogischen Fachkräfte ausgewertet. Im Schnitt sind die Fachkräfte
bislang bereits mit 59 Jahren aus dem Beruf ausgeschieden, und auch die Beschäftigungsstabilität ist weitaus schlechter als
zum Beispiel bei schematischen Berechnungen bislang angenommen. Für die Frage Was tun? lassen sich einige systematische
Ansatzpunkte ausmachen. Was das Angebot an Fachkräften angeht, kann und muss man gleichzeitig an drei Punkten ansetzen:
|
|
|
1. Einstieg in das Berufsfeld
|
|
|
Hier sind drei Punkte von besonderer Relevanz: Zum einen ist eine erhebliche Ausweitung der fachschulischen Ausbildungskapazitäten von zentraler Bedeutung. Dies stellt eine doppelte Herausforderung dar, denn einerseits mussten wir in der Vergangenheit eher einen Rückbau der Kapazitäten beobachten und andererseits würde
ein notwendiger Ausbau in den kommenden Jahren in Konflikt geraten mit einer (in Ostdeutschland massiven und in Westdeutschland
sich nun von Jahr zu Jahr verschärfenden) rückläufigen Zahl an Schülerinnen, die in das Ausbildungssystem insgesamt eintreten.
Das heißt, die Konkurrenz durch andere Ausbildungsberufe nimmt erheblich zu. Trotzdem sollten die Kapazitäten insgesamt so
schnell wie möglich nach oben gefahren werden, wobei das zeigt die Studie zu Rheinland-Pfalz angesichts der offensichtlich
sehr eingeschränkten regionalen Mobilität auch der jungen Fachkräfte von Landesseite eine Feinplanung der Ausbildungsstandorte
geleistet werden muss.
|
|
|
Der Ausbau der fachschulischen Angebote wird auch nicht durch die zweite Komponente hinfällig, dem Ausbau der grundständigen Studienangebote in der Frühpädagogik. Denn erstens wird dieser Ausbau erhebliche Zeitressourcen in Anspruch nehmen, zweitens fehlen hier besonders massiv die
notwendigen Lehrkräfte und drittens muss man einschränkend berücksichtigen, dass die Absolventen dieser Studiengänge nicht
sicher für das System gebucht werden können. Derzeit treten viele von ihnen erst gar nicht in das Feld ein oder verlassen
es schnell wieder.
|
|
|
Umso wichtiger wird der dritte Baustein für eine auf den Berufseinstieg zielende Strategie: ein umfangreiches Programm der qualifizierten Umschulung von Seiteneinsteigern in das System der Kindertagesbetreuung. Gemeint sind hier Umschulungen nach § 77 SGB III, die zu einem qualifizierten Berufsabschluss
führen. Diese sollten als betriebliche Umschulungen, also gleichsam berufsbegleitend, durchgeführt werden. Angesichts des
zu erwartenden Personalbedarfs ist hier zum einen eine bundesweite Strategie seitens der BA in enger Abstimmung mit den Trägern
erforderlich, zum anderen muss darauf geachtet werden, dass es sich ausschließlich um freiwillige Maßnahmen für möglichst
geeignete Personen handelt. Die Eignungsfeststellung sollte primär von und in den Kindertageseinrichtungen stattfinden.
|
|
|
2. Verbleib im Berufsfeld
|
|
|
Hier liefert die Studie von Sell/Kersting (2010) interessante empirische Hinweise. So kann mit den realen Beschäftigungsdaten
gezeigt werden, dass es von entscheidender Bedeutung ist, am Anfang der Beschäftigungsbiografie die Arbeitsbedingungen zu stabilisieren. Denn hohe Wechselquoten und der dauerhafte Verlust ausgebildeter Fachkräfte treten vor allem dann auf, wenn die Fachkräfte
am Anfang mit Befristungen und zwangsweiser Teilzeit konfrontiert sind aber genau das ist heute leider Standard und aufgrund
der besonderen Bedingungen in vielen Einrichtungen (Stichwort Elternzeitersatz) weit verbreitet. Die Daten sind hier aber
eindeutig: Gerade den Berufsanfängerinnen müssen deutlich stabilere Beschäftigungsbedingungen geboten werden, um den bisher
erheblichen Verlust zu reduzieren. Ein weiterer Ansatzpunkt zur Erhöhung der Verweildauer wäre die Arbeitszeit, also konkret
die Ausweitung des Teilzeitvolumens pro Person oder der Übergang von Teilzeit- zur Vollzeitbeschäftigung. Für Rheinland-Pfalz
konnte nur bei Berücksichtigung der ausdrücklich mehrarbeitsbereiten Fachkräfte eine Erhöhung des gesamten Personalvolumens
von vier Prozent bestimmt werden.
|
|
|
3. Ausstieg aus dem Berufsfeld
|
|
|
An der Schnittstelle zwischen Verbleib und Ausstieg liegt die Verlängerung der Verweildauer durch ein Hinausschieben des Eintrittsalters in den Ruhestand beziehungsweise des Ausscheidens aus dem Berufsfeld, das derzeit im Schnitt bei 59 Jahren liegt. Wenn es hier gelingt, zum Beispiel durch geeignete Maßnahmen der altersgerechten
Gestaltung der Arbeitsbedingungen das Ausscheidealter um zwei oder drei Jahre nach hinten zu verschieben, könnten erhebliche
Personalressourcen realisiert werden.
|
|
|
Hierfür brauchen wir einen abgestimmten nationalen Qualifizierungs- und Professionalisierungsplan für die Umsetzung, und auch
die Träger müssen sich wesentlich stärker engagieren. Verantwortlich für die Umsetzung wären dann die Länder und die Trägerverbände.
Jeder kleine Schritt in diese Richtung wäre besser als die derzeit leider zu beobachtende Vogel-Strauß-Politik.
|
|
|
Prof. Dr. Stefan Sell Direktor des Instituts für Bildungs- und Sozialpolitik der Fachhochschule Koblenz.
|
|
|
Literatur
M. Schilling, T. Rauschenbach: Demographie und frühe Kindheit. Prognosen zum Platz- und Personalbedarf in der Kindertagesbetreuung;
in: Zeitschrift für Pädagogik, Heft 1/2009
S. Sell, A. Kersting: Gibt es einen (drohenden) Fachkräftemangel im System der Kindertagesbetreuung in Rheinland-Pfalz? Eine
empirische Untersuchung zum Personalbedarf in Kindertageseinrichtungen und Kindertagespflege. Eine Studie im Auftrag des Ministeriums
für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur des Landes Rheinland-Pfalz; Remagen 2010
|
|
|
Zurück zur Übersicht
|
|