Verband Kath. Tageseinrichtungen für Kinder (KTK)- Bundesverband e.V. - Titelthema 4/10

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4/10
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Editorial 4/10
Titelthema 4/10
Standpunkt 4/10
Stichwort 4/10

 

Was ist eine gesunde Kita?

Rainer Strätz setzt sich mit dem Gesundheitsbegriff auseinander und nimmt dabei die Bildungspläne unter die Lupe.

Die körperliche Gesundheit der Kinder und ihre Förderung haben traditionell einen hohen Stellenwert in der elementarpädagogischen Praxis, der durch entsprechende Aussagen in den Bildungsplänen der meisten Bundesländer nochmals verstärkt wird. Allerdings sollte der Gesundheitsbegriff weiter gefasst werden als üblich und die seelische sowie soziale Gesundheit einbeziehen, womit nicht nur die Kinder, sondern auch die Fachkräfte in den Blick geraten.

Die Bedeutung körperlicher Gesundheit

Auch bei der Gesundheit werden die Weichen in der Kindheit gestellt. Dabei geht es erstens um Bewegung, deren Bedeutung durch alarmierende Zahlen aus kommunalen Gesundheitsberichten immer deutlicher wird: Schon bei den Schuleingangsuntersuchungen erweisen sich viele Kinder als übergewichtig (vgl. z. B. Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit 2007). Zweitens geht es um gesunde Ernährung. Nicht wenige Familien ernähren sich und die Kinder nicht nur schlecht, sondern auch teuer. Drittens geht es um die Überprüfung und Sicherstellung der körperlichen Gesundheit - von der Zahngesundheit bis zur Wahrnehmung von kinderärztlichen Vorsorgeuntersuchungen. Oft verschränken sich (zum Beispiel bei der Bekleidung oder der Auswahl von Spielmaterial) gesundheitliche und ökologische Gesichtspunkte.

Noch drängender wird das Thema im Zusammenhang mit Armut. Armut ist für die betroffenen Kinder (deren Zahl ständig steigt) ein massives Gesundheitsrisiko: Vorgeburtliche Risiken sind bei Kindern in armen Familien ebenso häufiger wie unausgewogene Ernährung, höhere Unfallrisiken, Gewalt in der Familie und Zahnerkrankungen. Außerdem werden Gesundheitspräventionsmaßnahmen seltener in Anspruch genommen (vgl. z. B. Trabert 2001). Zudem ist Armut ein Bildungsrisiko, das sich vor allem durch die Tendenz der Familien zur räumlichen und sozialen Isolation, durch den selteneren Zugang zu informellen Lernwelten wie Bibliotheken oder Vereinen, durch mangelnde Unterstützung durch die Familie beim Durchlaufen der Bildungsorte, durch Familiensituationen, die das Kind belasten, durch Vernachlässigung oder durch desorganisiertes Bindungsverhalten ergibt (vgl. z. B. Blum-Maurice 2009).

Kitas können hier eine Menge bewirken, und zwar auf den zwei Wegen, die der 13. "Kinder- und Jugendbericht" des Bundes beschreibt: Gesundheitsförderung in Tageseinrichtungen profitiere von der Tatsache, dass hier fast alle Kinder und ihre Familien sehr frühzeitig erreicht werden können. Die Einrichtung werde "als niedrig­schwelliger Zugangsweg und -ort für spezielle Zielgruppen genutzt, um gesundheitsförderliche Interventionen durchzuführen" (BMFSFJ 2009, S. 195).

Gesundheitsförderung durch Tages­ein­richtungen versuche umfassender, "zum Beispiel durch Stadtteilentwicklung und Vernetzung langfristig gesundheitsrelevante und gesundheitsabträgliche Lebensbedingungen zu modifizieren . Erst durch eine solche Gesundheitsförderung können die Folgen möglicher sozialer Randständigkeit zumindest teilweise nachhaltig aufgefangen werden" (ebd.). Dieser Ansatz sei "auch insofern zielführender, weil 'Defizite' in gesundheitsrelevanten Kompetenzen nicht individuumszentriert, sondern eingebettet in sozial ungleiche Alltagsstrukturen und Lebensstile betrachtet werden" (ebd.).

Gesundheitsförderung in den Bildungsplänen der Länder

Im Rahmenpapier der Jugendminister- und der Kultusministerkonferenz von 2004, der fachlichen Grundlage der Bildungspläne der Länder, heißt es zum Bildungsbereich "Körper, Bewegung, Gesundheit": "Das Kind lernt, Verantwortung für sein körperliches Wohlbefinden und seine Gesundheit zu übernehmen. Die Bewegung spielt dabei eine herausragende Rolle, darüber hinaus ist sie aber auch besonders wichtig für die kognitive, emotionale und soziale Entwicklung des Kindes. Gesundheitliche Bildung ist im Alltag von Kindertageseinrichtungen ein durchgängiges Prinzip, der Zusammenarbeit mit den Eltern und anderen Kooperationspartnern kommt dabei große Bedeutung zu." (JMK/KMK 2004)

Schon mit diesen knappen Sätzen wird verdeutlicht,
· dass Gesundheit nichts ist, was "mit dem Kind passiert", sondern das Ergebnis eines aktiven Bildungsprozesses,
· dass (wie immer) enge Verbindungen zu anderen Bildungsbereichen bestehen und
· dass (wie immer) alle Lebens- und Bildungsorte des Kindes beteiligt sein müssen.

Diese Gesichtspunkte wurden von den Bundesländern unterschiedlich aufge­nommen und ausgearbeitet. Acht von ihnen definieren einen Bildungsbereich "Körper, Bewegung und Gesundheit" beziehungsweise "Bewegung und Gesundheit"; bei den anderen taucht das Stichwort "Gesundheit" zwar nicht in der Überschrift auf, aber zumeist im Text.[i] Einige Papiere schlagen den Bogen zu Begriffen wie "Selbstwahrnehmung", "Wohlbefinden" oder "Selbstwirksamkeit" und machen so darauf aufmerksam, dass das Thema Gesundheit "weit über das Zähneputzen, Händewaschen und den Verzicht auf Süßigkeiten hinausgehen" muss (Ministerium für Gesundheit und Soziales des Landes Sachsen-Anhalt 2004, S. 44).

Viele wichtige Erfahrungen können Kinder im Zusammenhang mit Bewegung und dem Erleben des eigenen Körpers besonders intensiv machen: "Erfahrungen, die Kinder im Bildungsbereich Körper, Bewegung und Gesundheit machen sollten:

· sich im eigenen Körper wohl fühlen
· erleben, dass eigene Bedürfnisse wichtig sind und ernst genommen werden
· Zärtlichkeit
· erleben, dass es Freude macht, sich zu bewegen
· Lust und Unlust körperlich erleben und ausleben
· etwas genießen
· erleben, dass man Unangenehmes ablehnen kann
· erleben, dass man neue Herausforderungen bewältigen kann
· eigenen Mut erleben
· Erfolg haben und gewinnen
· verlieren und nicht aufgeben" (a.a.O., S. 45)

Zentrale Bildungsziele wie Selbstvertrauen, Problemlösefähigkeit oder Kooperationsbereitschaft werden in manchen Bildungsplänen leider in ein gesondertes Kapitel verbannt, als hätten sie mit der Gestaltung der Arbeit in den Bildungsbereichen nicht viel zu tun. Das Ziel kann aber doch nicht sein, die konkreten Inhalte der Bildungsbereiche "irgendwie" zu behandeln und daneben zu versuchen, "irgendwie" etwas für die übergeordneten Ziele einer Persönlichkeitsbildung zu tun! Stattdessen gilt es, die Auseinandersetzung der Kinder mit bestimmten Inhalten so zu gestalten, dass zugleich die übergeordneten Ziele im Blick sind. Einige Bildungspläne leisten diese Verknüpfung sehr systematisch, zum Beispiel der aus Sachsen-Anhalt durch die Aufzählung zentral wichtiger Erfahrungen in jedem Bildungsbereich (siehe oben), der sächsische durch die Zuordnung von "Leitbegriffen" zu jedem Bildungsbereich, der baden-württembergische Orientierungsplan durch seine "Erziehungs- und Bildungsmatrix" oder die nordrhein-westfälische Bildungsvereinbarung durch die Verknüpfung von Bildungsbereichen und den "Selbstbildungspotenzialen" der Kinder.

Unbedingt notwendig: ein erweiterter Gesundheitsbegriff

In der Bildungs- und Erziehungsarbeit geht es also um mehr als nur um die Bewahrung oder Wiederherstellung der körperlichen Gesundheit. Auch die Medizin geht inzwischen von einem viel weiter gefassten Gesundheitsbegriff aus: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Gesundheit als einen Zustand völligen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens. Die zentrale Frage lautet: Was erhält uns gesund?

Die erste Antwort lautet: "Wohlbefinden" - das Kind soll nichts tun, was sein Wohlbefinden beeinträchtigt. Das heißt im Umkehrschluss: Auch die Umgebung soll nichts tun, was das Wohlbefinden des Kindes beeinträchtigt. "Diese Leitorientierung sensi­bilisiert Jungen und Mädchen dafür, was ihnen gut tut und was nicht, und er sensibilisiert Erzieherinnen (.) für die Bedürfnisse und Befindlichkeiten der Kinder sowie für ihre eigenen Bedürfnisse und Befindlichkeiten. Wohlbefinden ist für Kinder und pädagogische Fachkräfte eine Grundbedingung dafür, dass Bildungsarbeit Spaß macht und erfolgreich sein kann. (Sächsisches Staatsministerium für Soziales 2007, Abschn. 2.1, S. 2)

Weitere Schlüsselbegriffe sind "Resilienz", "Selbstwirksamkeitsüberzeugung" und "Partizipation". "Wenn das Kind sich zum Beispiel als selbstwirksam erfahren kann, Möglichkeiten der Beteiligung hat und eine angemessene Sprachkompetenz erwirbt, so trägt dies indirekt zu seiner Gesundheit bei." (BMFSFJ 2009, S. 196) Partizipation als alltägliches Prinzip festigt die Überzeugung: Nichts geschieht über meinen Kopf hinweg. Schon ein Satz wie: "Das Kind wird eingewöhnt." hat eine falsche, ungesunde Perspektive. Denn ein Kind ist kein passives Objekt, mit dem etwas geschieht, sondern ein Beteiligter, der erfahren sollte, dass er bereits die Eingewöhnungszeit mitbestimmt und dass seine Anliegen und Entscheidungen wahrgenommen und respektiert werden.

Mit seinem Begriff des "Kohärenzgefühls" hat Aaron Antonovsky die Grundlage für Gesundheit und Wohlbefinden und zugleich ein zentrales Bildungsziel beschrieben: Das Kohärenzgefühl ("Sense of Coherence - SOC") drückt aus, "in welchem Ausmaß man ein durchdringendes, andauerndes und dennoch dynamisches Gefühl des Vertrauens hat, dass .
1. die Stimuli, die sich im Verlauf des Lebens aus der inneren und äußeren Umgebung ergeben, strukturiert, voraussehbar erklärbar sind (Verstehbarkeit),
2. einem die Ressourcen zur Verfügung stehen, um den Anforderungen, die diese Stimuli stellen, zu begegnen (Handhabbarkeit),
3. diese Anforderungen Herausforderungen sind, die Anstrengung und Engagement lohnen (Bedeutsamkeit)." (Antonovsky 1997, S. 36)

Eine gesunde Kita hilft also Kindern, bei allem, was täglich in Betreuung, Bildung und Erziehung geschieht, dieses Kohärenzgefühl zu entwickeln. Zahngesundheit und Bewegungsfreude gehören dazu - sind aber nicht der Kern der Geschichte, denn sie ergeben sich durch ein gesundes Selbst-Wert-Gefühl (fast) von allein.

Und die Gesundheit der Erzieherin?

Auch für die Erzieherin ist wohl ein fachliches Kohärenzgefühl von entscheidender Bedeutung. Denn: Wie soll sie im Beruf gesund bleiben .

· ohne das Gefühl des Vertrauens, dass die Aufgaben, die ihr gestellt werden, fachlich nachvollziehbar sind? (dass sie sich also nicht gezwungen sieht, Dinge zu tun, die sie nicht für sinnvoll hält, und umgekehrt die Dinge tun kann, die ihr zentral wichtig sind)
· ohne die Überzeugung, dass die Anforderungen, die an sie gestellt werden, auch erfüllbar sind, dass insbesondere die Rahmenbedingungen dem Auftrag angemessen sind? (Überforderung zum Beispiel durch zu große Gruppen mag kurzfristig erträglich sein, führt aber früher oder später mit Sicherheit zu problematischen Konsequenzen wie etwa notgedrungen dirigistischen Erziehungsstilen und/oder Burn-out)
· ohne die Sicherheit, dass sie Hilfe zum Beispiel durch kollegiale Beratung, Coaching oder Supervision bekommt, wenn das notwendig ist, und dass sie Zeit für ihre fachliche Weiterentwicklung erhält?
· ohne die Gewissheit, dass sie nicht ständig gegen andere Erziehungsinstanzen, zum Beispiel das Elternhaus oder die Schule, "anarbeiten" muss,
· ohne die Überzeugung, dass sich ihre Anstrengungen lohnen, dass sie mit ihrer Arbeit und ihrem Engagement tatsächlich etwas bewirkt (fachliche Selbstwirksamkeitsüberzeugung) und dass ihre Arbeit in der Öffentlichkeit und von der Politik so anerkannt wird, wie sie es verdient.

So wichtig die Reduzierung des Lärmpegels in Gruppenräumen ist: In puncto Gesundheit von Erzieherinnen ist das bei weitem nicht alles.

Soziale Faktoren

Gesundheit ist nicht nur ein individuelles Anliegen und Problem, zur Gesundheit tragen auch soziale Faktoren bei:

· Bei Erzieherinnen geht es um das Arbeitsklima im Team, aber auch um eine gesunde Streitkultur (auch abweichende Meinungen äußern und vertreten dürfen, ohne Isolation und Mobbing befürchten zu müssen, keine falschen "Harmonie-Fassaden").
· Für die Kinder gehören dazu: das Gefühl, dabei und anerkannt zu sein, Überschaubarkeit, Kontinuität (im Einklang mit Freiräumen und Abwechslung), verlässliche Bezugspersonen, Freundinnen und Freunde.

Prof. Dr. Rainer Strätz
Stellvertretender Leiter des Sozialpädagogischen Instituts NRW (SPI) - zentrale wissenschaftliche Einrichtung der Fachhochschule Köln, Lehrtätigkeit in der Pädagogik der (frühen) Kindheit.

Literatur
Aaron Antonovsky (1997): Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit; Tübingen
Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (2007): Gesundheitsberichterstattung (http://www.lgl.bayern.de/gesundheit/schuleingang_ergebnisse.htm am 22.4.2010)
Renate Blum-Maurice (2009): Die Wirkungen von Vernachlässigung auf Kinder und der "Kreislauf der Gewalt" (http://www.kinderschutzbund-koeln.de/dokumente/blum.pdf am 20.4.2009)
Jugend-/Kultusministerkonferenz (2004): Gemeinsamer Rahmen der Länder für die frühe Bildung in Kindertageseinrichtungen. Beschluss der Jugendministerkonferenz vom 13./14.05.2004/Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 03./04.06.2004
Ministerium für Gesundheit und Soziales des Landes Sachsen-Anhalt (Hrsg.) (2004): Bildung: elementar - Bildung von Anfang an. Bildungsprogramm für Kindertageseinrichtungen in Sachsen-Anhalt
Sächsisches Staatsministerium für Soziales (Hrsg.) (2007): Der Sächsisches Bildungsplan - ein Leitfaden für pädagogische Fachkräfte in Krippen, Kindergärten und Horten sowie für Kindertagespflege; Weimar, Berlin
Gerhard Trabert (2001): Kinderarmut und Gesundheit (http://www.nationale-armutskonferenz.de/publications/Fachbeitraege%20Kinderarmut/KinderarmutNAK2001.pdf am 12.9.2009)

Anmerkung
[i] Eine Synopse der Bildungspläne - einschließlich einer vergleichenden Übersicht über die Bildungsbereiche - findet sich in: http://www.mbjs.brandenburg.de/media/lbm1.a.1234.de/synopse_bildungsplaene.pdf

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