Projekt

Demokratie leben

Gute Beispiele

Die Sammlung wird laufend ergänzt. Wenn Sie in den letzten Jahren Material entwickelt haben, das sich für Ihren Verantwortungsbereich in einer Reflexion einer Haltung (zum Beispiel Leitbild, Kita-Verfassung) oder als Material für die Praxis (zum Beispiel Handreichungen, didaktische Einheiten) mit den Themen

  • Antirassismus und Antidiskriminierung in der Kita
  • Auseinandersetzung mit Ideologien der Ungleichwertigkeit (zum Beispiel Rechtsextremismus,
      Salafismus) in der Kita
  • Bedarfe von Kindern und Familien mit Fluchterfahrung
  • demokratische Mitbestimmung durch Kinder
  • Förderung des sozialräumlichen Engagements von Eltern

befasst und das sie für eine weitere Verbreitung zur Verfügung stellen möchten, bitten wir Sie, Herrn Colloseus darauf aufmerksam zu machen.

Für eine Kultur des ...

... Mitgestaltens - demokratische Kompetenzen von Kindern stärken

Das Projekt "Vielfalt - Heimat - Wählen gehen" des Diözesancaritasverbands Freiburgs im Vorfeld der Bundestagswahl 2017

Erfolge:

  • Die Auseinandersetzung mit den Plakaten im Umfeld der Kita beziehungsweise dem eigenen Wohnumfeld ist geeignet, den Kindern deutlich zu machen, dass es einen Zusammenhang zwischen der "großen Politik" und dem eigenen Leben gibt.
  • Indem auch angesprochen wird, dass es Menschen ohne Wahlrecht gibt, werden Macht- und Ausschlussverhältnisse zum Thema gemacht und den Kindern ermöglicht, auf deren Ungerechtigkeit hin zu reflektieren.
  • Die Einbindung der Familien animiert auch diese, sich mit der anstehenden Wahl und gegebenenfalls der Ausübung ihres Wahlrechts auseinander zu setzen.
  • Den Kindern wird der Ablauf einer Wahl begreifbar gemacht, als sie den Delfin zum "Bestimmer im Tierreich" wählen.

 

Anregungen zum Weiterdenken:

  • Damit eine Wahl wirklich Partizipation einübt, muss darüber hinaus noch vermittelt werden, dass ein Mandat den Gewählten auch verpflichtet - und es müsste ein von den Kindern bemerkbarer Unterschied hergestellt werden. Insofern kann eine solche simulierte Wahl nicht den Aufbau demokratischer Strukturen in der Kita ersetzen.
  • Die auf der Abstimmungskelle dargestellte Daumen-hoch-Geste, die hierzulande oft mit Zustimmung assoziiert wird, gilt in einigen Kulturen genauso selbstverständlich als obszöne Geste (die Literatur zu interkultureller Kompetenz nennt uneinheitlich verschiedene arabische und afrikanische Länder, aber etwa auch Griechenland) als obszön. Um auszuschließen, dass sich jemand von der Kelle peinlich berührt fühlt, wäre ein allgemeinverständlicheres Symbolpaar - etwa ein lachendes und ein traurig blickendes Gesicht - vielleicht die bessere Wahl.

... Miteinanders - Kitas gegen Ausgrenzung und gegen Ungleichwertigkeit

 »Bildungsarbeit von Anfang an«

Eine Kita in der Erstaufnahmeeinrichtung.

Mit Marcus Schmidt, Abwesenheitsvertreter in der Leitung der Caritas-Kita St. Nikolaus in Lebach, sprach Matthias Colloseus.

Eine gekürzte Fassung des Textes erschien in der Welt des Kindes Spezial 3/2018, Seite 6−8.

Herr Schmidt, können Sie uns St. Nikolaus kurz vorstellen?

St. Nikolaus liegt am Rand, aber auf dem Gelände der Landesaufnahmestelle für Vertriebene und Flüchtlinge des Saarlands in Lebach, also der Erstaufnahmeeinrichtung für schutzsuchende Menschen.
Hier leben Asylbewerber(innen) mindestens während der ersten Wochen ihres Asylverfahrens. Bereits mit deren Inbetriebnahme 1959 hat die Caritas einen Kindergarten in der damals noch »Lager« genannten Aufnahmestelle für Vertriebene und Flüchtlinge eröffnet. 1993 konnte die Kita nach einer
Renovierung mit sechs Gruppen fortgeführt werden. Damals wurde in einem Vertrag mit dem Land geregelt, dass je zur Hälfte Kinder aus der Erstaufnahmeeinrichtung und Kinder der Lebacher Wohnbevölkerung betreut werden. Insgesamt betreuen wir heute 110 Kinder, 50 Kinder in zwei Regelgruppen mit Kindern von 3-6 Jahren und vier Gruppen mit erweiterter Altersmischung – 0 bis 6 Jahre, dabei je fünf Plätze für Krippenkinder – die jüngsten können ab einem Alter von acht Wochen zu uns kommen. Diese Krippenplätze mitgerechnet bieten wir noch 60 Tagesstättenplätze an. Die Kinder aus der Erstaufnahmeeinrichtung erleben natürlich ihre Erstsozialisation in Deutschland in unserer Kindertageseinrichtung. Diese Form der Kindertagesbetreuung von Anfang an, insbesondere gemeinsam mit Wohnbevölkerung, dürfte eine in Deutschland einzigartige Konstellation sein.

Zumindest verweist nach einer Umfrage des Instituts für Menschenrechte nur das Saarland darauf, dass die Kinderbetreuung schon während der Erstaufnahme in einer Regeleinrichtung erfolgt.
(www.landkarte-kinderrechte.de)

Wie ist denn der Blick der Eltern aus der Wohnbevölkerung auf dieses Konzept?

Mein Eindruck ist, dass sich die Wahrnehmung unserer Kita sehr gewandelt hat. In den 90ern wurde
sie vielleicht noch als »der Ausländerkindergarten« gesehen. Seitdem haben wir viel für Qualitätsentwicklung und -sicherung getan. Es gab zudem immer Eltern, die sich bewusst für dieses
Konzept entschieden haben, über das wir schon immer offensiv informieren. Eine gewisse Offenheit
können wir also erfreulicherweise bei allen Eltern vorauszusetzen, auch aus der Erkenntnis heraus,
dass Deutschland nun mal ein Einwanderungsland ist. Der bessere Personalschlüssel, die relativ gute räumliche Ausstattung und auch unsere Öffnungszeiten von 7-18 Uhr machen uns zusätzlich attraktiv. Gerade durch letzteres sind wir auch für berufstätige Eltern interessant. Es dürfte also ganz verschiedene Gründe gegeben haben, sich für unsere Kita zu entscheiden. Zuletzt ist das Platzangebot in Lebach – wie eigentlich überall sonst – sehr knapp geworden, so dass der Entscheidungsspielraum geringer geworden ist.

Dann kam wahrscheinlich mit Wucht die Verwaltungskrise angesichts der sprunghaft steigenden
Zahl von Schutzsuchenden und alles wurde sehr turbulent…

Ich arbeite erst seit 2010 hier. Erfahrenere Kolleg*innen meinten, so neuartig sei die Situation gar nicht gewesen. Sprunghafte Veränderungen in der Belegung gab es in Lebach auch früher schon, wenn etwa Außenstellen geschlossen wurden. Tatsache ist: In der Erstaufnahmeeinrichtung ist eine Belegung mit 1200 Personen vorgesehen. 2016 waren es zu Spitzenzeiten 4000 bis 4500, die dauerhaft dort gewohnt haben. Gegen alle Erwartungen hat sich die Überbelegung als solche auf die Kita gar nicht so stark ausgewirkt. Für uns war das Hauptproblem die große Fluktuation. Die teilweise nur sechs Wochen auf haltigen Kinder konnten wir gar nicht erst alle aufnehmen, so dass wir im Ergebnis sogar Vakanzen hatten. Reagieren mussten wir aber im Blick auf unser Konzept. In Gesprächen mit dem Innenministerium und den betreffenden Jugendämtern haben wir uns auf die Lösung geeinigt, zeitweise eine Gruppe nur aus den Kindern zusammenzusetzen, die nur wenige Wochen hier sein würden. Klar: Das ist gerade nicht unser Konzept einer inklusiven Pädagogik. Aber es erschien uns in diesem Moment als das geringere Übel. Andernfalls wäre die Fluktuation in den Gruppen zu hoch gewesen. Die Belegung der Erstaufnahmeeinrichtung ist zwischenzeitlich deutlich zurückgegangen. Der niedrigste Stand waren 600 Personen. Jetzt sind es ungefähr 1000. Das entspricht ungefähr dem Niveau vor der Verwaltungskrise 2015. Die Kinder bleiben wieder länger.

Was heißt das denn typischerweise?

Den typischen Fall gibt es eigentlich gar nicht. Auch jetzt haben wir die ganze Bandbreite. Es gibt Kinder, die nur wenige Wochen bei uns sind und genauso Familien mit mehreren Kindern, die ihre komplette vorschulische Bildungsbiographie in der Erstaufnahmestelle durchleben. In der Erstaufnahmeeinrichtung leben Menschen, die als Dublin-Fälle damit rechnen müssen, in einen anderen europäischen Staat zurückgeführt zu werden und Altfälle vor allem aus Ländern des Balkans, die seit vielen Jahren im Land sind, denen aber auch die Rückführung droht. Bei besseren Aussichten im Asylverfahren kommt es dagegen schnell zur Umverteilung auf eine Kommune. So ist es insgesamt schwierig, vorab einzuschätzen, wie lang sich das Verfahren hinzieht – und auch wir können die Bleibedauer eines Kindes bei der Aufnahme nicht einschätzen.

Das heißt, Sie können da auch – etwa bei der Eingewöhnung – nicht differenzieren?

Stimmt. Das entspricht unserem Konzept aber insofern, dass wir nach Bedürfnissen, nicht nach
Benutzergruppen differenzieren wollen. Wir nutzen das Berliner Eingewöhnungsmodell und rechnen daher für alle Kinder, ob aus der Landeserstaufnahmestelle oder der Stadt, mit einer Eingewöhnungsphase von drei Wochen.

Aber demnach gehört es zu Ihrem Alltag, dass Familien schnell wegziehen müssen oder
abgeschoben werden. Erfahren Sie das im Voraus? Wie können Sie da pädagogisch reagieren?

Neben unserer Einrichtung betreibt der Diözesan-Caritasverband noch einen Kinderhort für Schulkinder und den Migrationsdienst. Auch durch die räumliche Nähe gelingt es uns ganz gut, uns zu vernetzen. Dennoch ist es in der Praxis so, dass wir nur dann rechtzeitig informiert werden, wenn es zur Verteilung in eine Kommune kommt – meistens von der betroffenen Familie. Wenn es dagegen zu Rückführungen im Dublin-System oder in Herkunftsstaaten kommt, dann liegt es komplett an uns das in Erfahrung zu bringen. Wenn ein Kind mehrere Tage nicht kommt, versuchen wir, die Familie zu kontaktieren. Wenn wir sie nicht erreichen, wenden wir uns an das Verwaltungsamt und oft erfahren wir dann, dass eine Rückführung stattgefunden hat.

Dann machen die Kinder die Erfahrung, dass es passieren kann, dass eins von ihnen ohne Ankündigung von einem auf den anderen Tag verschwindet? Entwickeln sie auch selbst entsprechende Ängste?

Die Kinder bei uns in der Einrichtung eher weniger. Das scheint eine Altersfrage zu sein; bei älteren
Geschwistern oder den Kindern aus dem Hort nehmen wir eine solche Angst öfter wahr und erst recht
natürlich bei den Erwachsenen. Dagegen beschäftigt es die Kinder im Kita-Alter nur in den wenigsten Fällen nachhaltig. Anders sieht es natürlich mit der Erfahrung aus, dass der beste Freund oder die beste Freundin plötzlich die Einrichtung nicht mehr besucht. Da liegt für uns der riesige Unterschied zu einem
Abschied in die Kommune. Der erfolgt wie gesagt nach Ankündigung, da können wir ein Abschiedsfest feiern, das auch die Hoffnung auf eine sicherere und geregeltere Zukunft ausdrückt. Aber bei diesen Rückführungen können wir nur versuchen, die Erinnerung aufrecht zu erhalten und dafür zu sorgen, dass das Kind Raum für Erinnerung an diese Freundschaft als etwas Schönes findet. Wir nutzen den Situationsansatz und versuchen daraus, solche Situationen aufzuarbeiten und auch Trauerkonzepte umzusetzen. Vieles davon findet im Alltag, in den ganz alltäglichen Interaktionen statt. Wir bieten allen Eltern zweimal jährlich ein Entwicklungsgespräch an. Dort merken wir, dass die Themen Flucht, Furcht, Verlust und vor allem Schuldzuweisungen an sich selbst eine große Rolle spielen. Auch sehr einschneidende Erfahrungen im Kontext der Flucht kommen zur Sprache. In diesem Bereich der Elternarbeit sind die Anforderungen an uns Fachkräfte also hoch, mit diesen Berichten sensibel umzugehen.

Würden Sie denn aus Ihrer Erfahrung sagen, dass es für Kinder schutzsuchender Familien
sinnvoll ist, mit dem Besuch einer Kita ein wenig zu warten, bis sie besser angekommen sind?

Nein, wieso denn? Dieses Ankommen findet doch gerade in der Kita statt. Wenn ein Kind aus der
Erstaufnahmeeinrichtung St. Nikolaus besucht, ist das seine Erstsozialisation in der hiesigen Gesellschaft. Selbst, wenn es nur für einige Wochen bleiben sollte, macht es Erfahrungen, die auch in
einer kommunalen Kita nach einer etwaigen Umverteilung hilfreich sein können. Es ist in der Regel auch der erste intensive Kontakt mit der deutschen Sprache und ich sehe keinen Grund, den zu verzögern. Natürlich ist es für uns als Einrichtung schwierig und möglicherweise auch nicht optimal für den Beziehungsaufbau, wenn eine erst begonnene oder gerade stattgefundene Eingewöhnung abgebrochen wird. Aber pragmatisch gesehen, sind das Erfahrungen hiesiger Normalität, die das Kind trotzdem mitnimmt. Das gilt natürlich genauso für die Familien, die das Prinzip der Kita und Dinge, die auch für andere Kitas selbstverständlich sind – zum Beispiel das Konzept der Eingewöhnung – kennen gelernt haben. Wichtig ist auch, diesen Kitabesuch von Anfang an nicht als ein bloßes Verwahren oder Bespaßen der Kinder anzusehen. Es geschieht von Anfang an Bildungs- und Beziehungsarbeit, die Sensibilität und Professionalität erfordern. Auch hier wieder: das gilt sowohl bezogen auf die Kinder wie auf ihre Familien, denn die Vorerfahrungen, die Geflüchtete mit öffentlichen Einrichtungen gemacht haben, sind selbstverständlich nicht immer die besten. Ich gebe dafür ein anderes Beispiel: die Angst vor der Polizei. Mehr als verständlich, bei dem was die Familien andernorts erlebt haben. Also sehen wir unsere Aufgabe darin, Normalität zu vermitteln. Eine unserer Mütter ist Polizistin und so haben wir die Möglichkeit, die Begegnung von Mensch zu Mensch in der Kita zu gestalten und nicht einen Ausflug aufs Polizeirevier zu unternehmen. Also versuchen wir, in der Einrichtung zu vermitteln, dass keine Gefahr besteht, dass eine Polizistin nicht jemand ist, vor dem man Angst haben muss, der einen nachts weckt und für die Rückführung abholt…

…obwohl das eine realistische Angst ist.

Ja, aber das ist eben nicht die einzige Rolle, in der die Polizei den Familien begegnen kann. Genauso
kann es ja vorkommen, dass die Menschen in der Landeserstaufnahmeeinrichtung Hilfe durch die
Polizei brauchen. Daher sollen die Kinder zunächst lernen, dass Polizist*innen Menschen sind, nicht
»das Böse in Person«. Wir haben hier auch einen Bundeswehrstützpunkt, heute zum Glück viel kleiner als noch vor wenigen Jahren. Für Kinder aus Kriegsgebieten ist es eine völlig andere Sache, bei einem Waldspaziergang einen Trupp Uniformierter, bewaffnet mit automatischen Gewehren, zu treffen.

Dass es vor allem die Elternarbeit ist, die die Arbeit mit der Zielgruppe »Kinder aus Familien mit
Fluchterfahrung« spezifisch ist, wird immer wieder geschildert.

Ja, die Elternarbeit gestaltet sich anders. Ein klassischer Elternabend wird generell nicht gut angenommen, auch nicht von den Eltern aus der Wohnbevölkerung, von denen ja sehr viele berufstätig
sind. Wir konzentrieren uns stattdessen auf Aktionstage, so eine Art Tag der offenen Tür. Im Foyer sind dann ganztägig Fachkräfte anwesend und ansprechbar, um so niedrigschwellig Informationen zu vermitteln. So ein Tag kann einen Anlass haben, etwa die Vorstellung des Projekts »Frühe Chancen«
oder unserer Kinderbibliothek, wo Kinder für eine Woche ein Buch ausleihen können. Oft kommen wir dann nur fünf oder zehn Minuten zu unserer Arbeit ins Gespräch, aber das ist sicher besser als gar nicht.
Im Rahmen des Bundesprogramms »Frühe Chancen« suchen wir auch nach Sprachpat*innen. Unser Ziel ist, die Vielfalt an Sprachen, Hintergründen und Kulturen, mit denen die Menschen in der Erstaufnahmeeinrichtung leben, auch in die Kita zu holen. So hatten wir zum Beispiel schon Lesungen auf Arabisch, Russisch, Polnisch oder Albanisch. Unser Anspruch gerade auch als kirchliche Einrichtung ist, dass alle Familien, die unsere Klientinnen sind, tatsächlich in unserer Einrichtung vorkommen und auch merken, dass sie gefragt sind.Diesen interkulturellen Aspekt in der Elternarbeit setzen wir auch etwa bei den Festen in den Einrichtungen fort. So feiern wir neben dem Kirchenjahr – etwa mit einem Ostercafé – auch Feste anderer Kulturen, zum Beispiel den Internationalen Frauentag oder das Zuckerfest. Betont werden nicht die Unterschiede, sondern das Gemeinsame, in diesem Fall, dass alle Kulturen gemeinsame Feste kennen. Die Eltern aus anderen Kulturen können und sollen sich also einbringen. Wir merken immer wieder, dass durch diese Möglichkeit auch die Bereitschaft kommt.
Unterschiede gibt es natürlich auch hinsichtlich der Vertrautheit mit der Kita als Institution. Manche Familien kennen ähnliches aus ihrer Heimat, andere haben aber noch überhaupt keine Vorerfahrung mit Betreuung außerhalb der Familie. Auch ansonsten sind die Unterschiede im Detail sehr groß. Etwa erzählen mir immer wieder Eltern aus der Türkei oder Syrien, dass dort der Weg zur Kita mit einem
von der Kita gestellten Bus organisiert war. Also müssen wir unser Konzept – seine Aufgaben, seine
Funktionsweise und auch die Grenzen – immer wieder erklärt werden. Dazu gehört auch der Hinweis, dass wir nicht missionieren.

Diese Frage wird aber von den Familien gestellt?

Ja, die kommt immer wieder, je nach den Vorerfahrungen, die die Eltern mit Kirche gemacht haben. Sie ist dabei gar nicht unbedingt mit Angst besetzt. Dennoch müssen wir sie beantworten, aber damit ist sie dann auch abgeräumt. Dann folgen konkretere Fragen, wie »Muss mein Kind mitbeten?« und auch immer wieder »Muss mein Kind Schweinefleisch essen?« Zum Glück lassen auch die sich schnell beantworten.
Kultursensibel zu arbeiten bedeutet für uns auch, dass wir darauf achten, dass keine Festlichkeiten mit
gemeinsamem Essen in den Ramadan fallen oder dass beim jährlichen Grillfest das Schweinefleisch in
einer anderen Aluschale auf den Grill kommt als die Rindswürste und vegetarische Salate angeboten werden. Wie immer im Leben bedeutet ein gutes Miteinander nicht, dass irgendjemand zurückstecken müsste, weil auf jemand anderen auch etwas Rücksicht genommen wird. Das setzt sich dann bei unserem Mittagessensangebot fort. Wir haben viele Kinder mit Lebensmittelallergien oder Kinder, die aus
ethischen Gründen gar kein Fleisch essen. Das sind also ganz unterschiedliche Gründe, die sich aber
genauso wie der Verzicht auf Schweinefleisch aus religiösen Gründen mit einem Sonderessen lösen lassen.

Andere Kitas weisen immer wieder darauf hin, dass bei Schutzsuchenden die Sprachhürde noch
höher sei als bei anderen Zuwandrer*innen…

Das Problem haben wir auch. Die Vernetzung mit dem Migrationsdienst und dem Hort helfen uns hier, aber die Organisation von guter Sprachmittlung bleibt eine große Aufgabe. Eine Person aus dem
Migrationsdienst dolmetscht arabisch und wir haben derzeit auch eine arabischsprachige Praktikantin,
die als solche natürlich nur nicht-sensible Gespräche führen kann. Dennoch hilft das im Alltag ungemein.
Insgesamt gibt es durch die Erstaufnahmeeinrichtung natürlich eine große Sprachenvielfalt, aber derzeit etwa fünf Sprachen, die vermehrt vorkommen. Mindestens in diesen können wir basale Gespräche im Alltag meistens mit Hilfe von anderen Personen in der Erstaufnahmeeinrichtung dolmetschen. Im Alltag helfen außerdem Englisch – und Hand und Fuß – oft weiter. Aber für Entwicklungsgespräche und andere sensible Dinge müssen auch wir oder die Familien Sprachmittler auf einem professionellen Niveau suchen, die mit den Inhalten angemessen umgehen können. Ich habe daher während eines Gesprächs hier vor Ort auch schon Dolmetscher in Hamburg am Telefon gehabt. Die Sprachhürde macht sich auch bei der Elternpartizipation bemerkbar. In unserem Elternausschuss, wo sich natürlich alle Eltern der Einrichtung zur Wahl stellen könnten, sind derzeit nur Menschen aus der Wohnbevölkerung vertreten. Wir hatten allerdings durchaus schon Eltern in diesem Gremium, die zuerst in der Aufnahmeeinrichtung gelebt hatten und später in der Stadt Fuß fassten. Jedenfalls versuchen wir, durch zusätzliche Befragungs- und Rückmeldesysteme Bedürfnisse und Bedarfe auch der Familien aus der Erstaufnahmeeinrichtung zu erkennen und heranzuziehen, wenn wir uns fragen, wie wir uns weiter entwickeln können. Eine andere Möglichkeit, Partizipation trotz der Sprachhürde zu ermöglichen geht wieder übers Essen: wir fragen immer mal wieder Eltern, ob sie – selbstverständlich gegen Übernahme der Kosten – etwas für unsere Hospitationen oder Fortbildungsangebote kochen könnten. Auch da zeigt sich immer wieder: wenn Selbsttätigkeit und Selbstwirksamkeit in den Vordergrund gestellt werden, fühlen sich Menschen sofort gewollt und als Teil der Gemeinschaft. Einmal angefragt, bringen sie sich gern ein. Das ist für uns also ein Baustein, unser inklusives Leitbild zu verwirklichen. Außerdem sind die
Gerichte oft grandios. Auch für das gemeinsame Frühstück, das wir in der Kita gemeinsam mit den Kindern zubereiten, holen wir immer wieder kulturspezifische Anregungen der Eltern ein.

Wie sind denn die Lebensbedingungen der Familien in der Erstaufnahmeeinrichtung ansonsten?

Das Land hat auch deswegen Interesse an den guten Bedingungen in der Kita, weil die Lebensbedingungen ansonsten nicht mit dem deutschen Durchschnitt vergleichbar sind. Es teilen sich
immer mehrere Familien ein Apartment mit gemeinsamer Kochgelegenheit und Gemeinschaftsräumen. Somit steht Eltern und drei Kindern oft nur ein Raum zur Verfügung. Eine ältere Faustregel besagt, dass es ein zweites Zimmer erst ab der sechsten Person oder der dritten Generation gibt. Viele der gemeinschaftlich genutzten Bade- und Duschhäuser sind auch nicht räumlich an die Wohnräume angeschlossen. Um sie zu nutzen, müssen die Bewohner ins Freie, das erschwert natürlich das Leben mit Kindern, gerade im Winter. Das Ministerium sieht die Zustände durchaus realistisch und versucht auch, allmählich Verbesserungen herbeizuführen. So wurde in den letzten Jahren schon ein zusätzliches Haus gebaut, das besser ausgestattet ist als die Gebäude aus den 50ern und 60ern, insbesondere was Privatsphäre und feste Türen angeht. Aber da können eben nur wenige Menschen wohnen. Zu einem allgemeinen Raummangel kommt in den übrigen Gebäuden noch Sanierungsbedarf (bedingt auch durch die hohe Fluktuation der letzten Jahre), die hohe Lärmbelastung und die Unterbringung von sehr unterschiedlichen Gruppen, besonders eben Familien einerseits und alleinstehenden Schutzsuchenden andererseits. Gerade bei höherer Belegung der Aufnahmestelle ist es da sehr schwer, Ruhezonen herzustellen. Im direkten Vergleich zu einem Kriegsgebiet oder dem Leben auf der Flucht ist die Erstaufnahmestelle natürlich immer noch vorzuziehen und entsprechend dankbar sind viele Familien auch. Dennoch würde ich zusammenfassend sagen, es ist keine entwicklungsförderliche Umgebung. Wir versuchen eben unseren Teil, das auszugleichen. Der Stellenwert unserer Arbeit ist dem Ministerium bewusst, daher haben wir eine zusätzliche Stelle pro Gruppe. Wir können uns so auch erlauben, ohne Ferienschließzeiten zu arbeiten. Da wir dennoch der Meinung sind, dass auch Kinder Urlaub brauchen, können die Familien in einem Zeitrahmen von zwölf drei zusammenhängende Wochen aussuchen, in denen sie diesen Urlaub nehmen. Wir haben damit einen relativ guten Schlüssel und können den Bedarfen der Kinder an vielen Stellen entgegenkommen. Das Land ist auch Besitzer der Gebäude und stellt sie uns unentgeltlich zu Verfügung. Dadurch können wir für Angebote, die sich in den beengten Wohnräumlichkeiten im Wohnumfeld nicht zielführend verwirklichen lassen, Räume zur Verfügung stellen. Therapie oder Logopädie-Sitzungen können zum Beispiel bei uns in der der Einrichtung stattfinden.

Wie erfahren die Familien denn von dem Angebot? Wie kommt es dann zu Aufnahme?

Auch das ist wieder individuell sehr unterschiedlich. In der Hochzeit der gestiegenen Zugangszahlen
hatte das Sozialministerium einen Infopoint mit entsprechenden Aushängen bei der Registrierung.
Damals gab es kaum feste Bewohnerschaft, so dass die Informationsweitergabe nicht gewährleistet
war. In dieser Zeit sind wir daher auch gezielt auf Kindersuche gegangen. Heute hängen entsprechende Informationen in den Räumen des Migrationsdiensts auf Deutsch, Englisch und Arabisch aus und werden natürlich auch während der Beratung angesprochen. Viel passiert aber inzwischen wieder durch Mund-zu-Mund-Propaganda. Das wird natürlich begünstigt durch die räumliche Nähe. Wir sind als Einrichtung auf dem Gelände der Aufnahmestelle einfach gut wahrnehmbar. Derzeit gibt es auch für die Familien aus der Erstaufnahmestelle Wartezeiten. Zu unserem Konzept gehört, dass wir immer versuchen, die bürokratischen Hürden niedrig zu halten. Also werden die Familien – übrigens: alle Familien – durch uns beim Ausfüllen der Anträge beim Kreisjugendamt unterstützt. Im Saarland müssen Familien 25% des Beitrags selbst tragen, das entspricht bei einem Krippenplatz über 400 Euro im Monat und gerade bei mehreren Kindern sind auch mittlere Einkommen damit stark belastet. Das beitragsfreie letzte Kita-Jahr ist 2011 abgeschafft worden. Im Ergebnis werden 70-75% unserer Plätze durch das Kreisjugendamt bezuschusst. Genauso stellen wir sicher, dass etwa durch unsere Ausflüge oder einzelne Aktionen keine zusätzlichen Kosten für die Eltern entstehen. Das ist unser ganzes Selbstverständnis: Zugang zur Bildung steht allen gleichermaßen zu und wir dürfen und wollen keine Hürden aufrichten und niemanden ausschließen. Davon profitieren Familien innerhalb wie außerhalb der Erstaufnahmeeinrichtung. Die Kita ist damit Teil einer guten Infrastruktur in Lebach, insbesondere verglichen mit manchen sehr ländlichen Kommunen. Hier gibt es diverse Ämter, gut erreichbare Einkaufsmöglichkeiten und verschiedene Sozialdienste. Daher kommt es auch vor, dass Familien eine Verteilung in eine Kommune nicht immer sofort als Erleichterung erleben. Man kann sich ja vorstellen, dass die Orientierung im Alltag nicht leicht fällt, wenn jemand mit geringen Deutschkenntnissen in einem kleinen Dorf landet, wo vier Mal am Tag ein Bus fährt, keine Einkaufsmöglichkeit und keine Bildungsinstitutionen vor Ort sind. Dennoch: allein die besseren Wohngegebenheiten, der Zugewinn an Privatheit, die Möglichkeit eigener Küche und eigener Bäder und meistens mehr Zimmer stellt langfristig eine Erleichterung dar. Derzeit wird geprüft, inwiefern die Sozialarbeiter(innen) aus dem Migrationsdienst noch darin eingebunden werden können, den Transfer gut hinzukriegen.

Wie funktioniert eigentlich die Vernetzung mit dem Migrationsdienst und anderen Angeboten?
Wie überall hat die Vernetzung mit anderen Sozialdiensten das Ziel, einerseits den Informationsfluss
im Sinne der Klient*innen sicher zu stellen und andererseits die Arbeitsteilung zwischen den Diensten
entsprechend des jeweiligen Mandats und den eigenen Kompetenzen aufrecht zu erhalten. Wir wissen
also gut, wo unsere Grenzen sind, an wen wir verweisen können und wen wir neben dem Migrationsdienst oder der Jugendhilfe noch ansprechen können. Wo wir wissen, dass Sozialarbeiter*innen in einer Familien sind, suchen wir aktiv den Kontakt. Wir werden aber auch öfter von diesen angefragt. Morgen ist zum Beispiel ein Termin mit dem Kreisjugendamt. Solche »Runde Tische« haben wir auch mit den Kolleg*innen vom Migrationsdienst. – regelmäßig auf der Fachbereichs-leitungsebene und ansonsten fallbezogen. Auch hier hilft natürlich die räumliche Nähe, dass die Vernetzung mit den übrigen familienunterstützenden Maßnahmen gelingt. Relevant wird das zum Beispiel auch, wenn der Fall einer Familie vor die Härtefallkommission kommt, was nach einem abgelehnten Asylantrag eine Option sein kann. Wenn die Familie oder auch der Migrationsdienst uns darum bitten, schreiben wir kurze Stellungnahmen. Denn wir sehen uns in der Verantwortung, die Familien darin zu unterstützen, eine insbesondere den Kindern angemessene Lebenssituation herzustellen.

Welchen Stellenwert hat die demokratische Mitbestimmung bei Ihnen? Auch das ist durch die
große Vielfalt und zum Beispiel unterschiedliche Deutschkenntnisse sicher schwer umzusetzen?

Unserer Auffassung nach sollte ein demokratischer Grundgedanke unabhängig von Sprachkenntnissen
verfolgt werden. Eine praktische Schwierigkeit bei der Nutzung formaler Mitbestimmungsprozesse für uns liegt eher in der großen Altersspanne. Projektbezogen bemühen wir uns dennoch, die Kinder so viel wie möglich einzubeziehen, etwa haben wir sie bei der Umgestaltung des Geländes im Rahmen ihrer Möglichkeiten einbezogen. In unserem Morgenkreis haben wir eine Kinderkonferenz, wo zum Beispiel über die Ziele von Ausflügen abgestimmt wird. Auch das Mittagessen bewerten die Kinder mit einem Drei-Sterne- System. Wenn es zu überwiegend schlechten Bewertungen kommt, schauen wir detailliert, woran es gelegen hat und darauf zu reagieren – war das Essen zum Beispiel unbekannt? Dann versuchen wir gezielt, es gemeinsam kennenzulernen. War es schwierig zu essen? Dann bestellen wir das ab.