Standpunkt

Aufs Glatteis geführt

Bestrebungen, die Gründe für das schlechte Abschneiden der deutschen Schulkinder bei der IGLU-Studie in Kitas zu suchen, weist Frank Jansen zurück.

Nachdem im Dezember 2017 die Ergebnisse der Internationalen Grundschul-Lese Untersuchung (IGLU) auf dem Tisch lagen, ging die ganze Debatte um die Bildungsleistungen von Kindertageseinrichtungen wieder von vorne los. Diejenigen von uns, die sich an die Veröffentlichung der PISA-Ergebnisse 2003 erinnern, können ein Lied davon singen. Damals wurden Deutschlands Schülern schlechte Noten in den Fächern Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften nachgewiesen. Schuld war am Ende nicht die Schule, sondern entgegen allen Erwartungen der Kindergarten. Deutsche Kitas seien keine echten Bildungsinstitutionen, darin passiere nicht mehr als »Viel Lego, aber null Logo«, um nur eine der vielen Polemiken zu nennen, die damals durch die Presse gingen.
Und um was geht es nun? Die IGLU-Studie weist nach, dass fast jeder fünfte Viertklässler in Deutschland nicht richtig lesen kann. Der Anteil der Kinder, die das betrifft, ist damit von 2001 mit 16,9 Prozent auf 18,9 Prozent im Jahr 2016 gestiegen. Im internationalen Vergleich liegt Deutschland im unteren Mittelfeld.
Das mag ja alles sein und stellt sicherlich eine enorme Herausforderung dar, der sich Bildungspolitiker stellen müssen. Die Gründe für das schlechte Abschneiden der Grundschulkinder jedoch wieder in Kindertageseinrichtungen zu suchen, das gleicht doch einem Schlittschuhlauf auf dünnem Eis. Verpflichtende Sprachstandtests und Sprachförderprogramme vor der Schule werden jetzt gefordert. Und die alltagsintegrierte Sprachbildung wird als »alltagsintegrierte Prosa« ins Lächerliche gezogen, zumindest vom wissenschaftlichen Direktor des Kieler Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN), Olaf Köller. Gar nichts von Kindertageseinrichtungen verstanden hat Nicola Beer. Die Generalsekretärin der FDP fordert in Anbetracht der IGLU-Ergebnisse, dass Krippen und Kindergärten durchgehend als frühkindliche Bildungsinstitutionen verstanden werden müssen, und nicht nur als Betreuungseinrichtungen. Wer da angesichts so viel Unwissenheit nicht das Frösteln bekommt …
Ob ein Kind richtig und gut lesen lernt, ist ganz sicher abhängig davon, welche sprach- und leseförderliche Umgebung Kitas und Eltern Kindern bieten. In unseren Kitas haben wir mit der alltagsintegrierten Sprachbildung ein inzwischen weit verbreitetes und etabliertes Konzept zu bieten, in dessen Mittelpunkt eine solche Umgebung steht. Die vom Bund geförderten Sprach-Kitas werden von eigens ausgebildeten Sprachexpertinnen und -experten unterstützt. Eine Voraussetzung, die über die Modelleinrichtungen hinaus in die Fläche getragen werden muss, und von der Schulen lernen können. Denn eines ist doch klar: Es kommt ganz entscheidend darauf an, dass Lehrerinnen und Lehrer in der Lage sind, das fortzusetzen, was in Kitas an Grundsteinen gelegt wurde. Dazu braucht es in unseren Grundschulen nicht nur mehr Lehrkräfte und mehr Zeit, sondern vor allem Fachkräfte für die Förderung von Sprach- und Lesekompetenz. Denn: Alle Programme sind nur so gut wie diejenigen, die sie umsetzen sollen. Wer etwas anderes behauptet, steht in der Gefahr, andere aus welchem Grund auch immer aufs Glatteis zu führen.

Frank Jansen
Geschäftsführer des Verbands Katholischer Tageseinrichtungen für Kinder (KTK) - Bundesverband e. V.

Weitere Artikel dieser Ausgabe