Standpunkt

Pädagogische Herrschaftsansprüche . . .

Erinnern Sie sich noch? 1992 wurden weite Teile unserer Kita-Szene an die Grenzen ihrer Toleranz gebracht und waren dem Überschäumen nahe. Damals nahm das Konzept der offenen Arbeit Einzug in den Kita-Bereich. Die klassischen Stammgruppen wurden abgeschafft, alternativ hierzu sogenannte Funktionsräume entwickelt. Nicht überall, aber in einer doch beachtlichen Zahl deutscher Kindertageseinrichtungen. Stärkster Kritiker des offenen Konzepts war der Freiburger Pädagoge Norbert Huppertz, der mit seinem Artikel »Haben Sie Ihren Kindergarten auch schon auf den Kopf gestellt? Zum Chaos der offenen Arbeit« manchen von uns auf die Barrikaden trieb. Bis heute haben sich die Gemüter nicht beruhigt, und noch immer gibt es Diskussionen darüber, inwieweit die offene Arbeit ohne Stammgruppen sinnvoll ist.

Geändert hat sich an meiner Meinung seitdem nichts. Was wir in unseren Kindertageseinrichtungen auf keinen Fall brauchen, sind geschlossene Gruppenmilieus. Konstellationen, in denen frei nach dem Motto »meine Kinder, deine Kinder« gearbeitet wird. Stammgruppen, die Kinder nur dann verlassen dürfen, wenn Spielen auf dem Außengelände angesagt ist. Solche Korsetts frühkindlicher Bildung sind zu sprengen, weil darin nie und nimmer das realisiert werden kann, was einer modernen und kindgerechten Elementarpädagogik entspricht. Und dazu gehören eigeninitiierte, ungestörte und vielfältige Lernprozesse von Kindern, die an deren Interessen und Talenten ansetzen. Dieser wertvolle pädagogische Anspruch kann nur dort umgesetzt werden, wo teiloffen oder meinetwegen auch gruppenübergreifend gearbeitet wird. In Kitas also, in denen für Kinder auf allen freien Flächen Bildungsinseln zur Verfügung stehen, in denen Angebote in den einzelnen Gruppen für alle Kinder zugänglich sind. Ob dieser pädagogische Anspruch auch in Kitas ohne feste Bezugsgruppen möglich ist? Sicherlich schon.

Voraussetzung ist jedoch, dass auch hier Kinder die Möglichkeit haben, verlässliche Bindungen aufzubauen und feste Bezugspunkte in ihrem Alltag zu erleben. Voraussetzungen, die gerade mit Blick auf die zunehmende Zahl von Kindern unter drei ganz besondere Anforderungen an die pädagogischen Fachkräfte stellen.

Vielleicht liegt es an dem enormen Ausbau des Angebots für unter Dreijährige, dass das Konzept der offenen Kita-Arbeit ohne Stammgruppen nicht den Durchbruch erreicht hat, wie wir das erwartet hatten. Der Forschungsverbund des Deutschen Jugendinstituts und der Technischen Universität Dortmund bringt es auf den Punkt: Den aktuellen Zahlen der Kinder- und Jugendhilfestatistik 2015 zufolge arbeiten nur 13,1 Prozent aller Kitas nach solch einem Konzept. Anders herum betrachtet: In 86,9 Prozent aller Kindertageseinrichtungen in Deutschland existieren nach wie vor Gruppenstrukturen. Interessant ist, dass der Anteil katholischer Kindertageseinrichtungen, die ohne Stammgruppen arbeiten, mit 5,4 Prozent im Vergleich zu Kitas anderer Träger am geringsten ist. Nähere Informationen darüber, ob diese Kitas teiloffen oder gruppenübergreifend arbeiten, liegen leider nicht vor. Aber dass sie dies tun, davon gehen wir einfach mal aus. Etwas anderes lässt das pädagogische Profil und das  darin verankerte Bild vom Kind in katholischen Kitas eigentlich nicht zu, oder?

Frank Jansen
Geschäftsführer des Verbands Katholischer Tageseinrichtungen für Kinder (KTK) - Bundesverband e. V.

»Was wir in unseren Kindertageseinrichtungen auf keinen Fall brauchen, sind geschlossene Gruppenmilieus.«

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