Standpunkt

Querdenker …

Bildung für nachhaltige Entwicklung zielt darauf, dass Menschen sich Werthaltungen, Kompetenzen und Kenntnisse aneignen, die für die Gestaltung einer zukunftsfähigen Welt erforderlich sind. Und dieser Verantwortung können wir uns im Kita-Bereich nicht entziehen. Wir müssen uns angesichts der gesellschaftlichen Herausforderungen ernsthaft fragen, welche Art des Lernens uns berechtigterweise hoffen lässt, Probleme wie Klimawandel, Ungerechtigkeiten, Entwürdigung von Menschen und rechtspopulistische Verklärungen in den Griff zu bekommen. Wir brauchen ein Lernverständnis, mit dem es uns gelingt, radikale Richtungsänderungen herbeizuführen. Ein Lernen, das nicht wertfrei ist, in dessen Mittelpunkt die Würde jedes Einzelnen und ein für alle gerechtes Leben steht. Ein Lernen, das dazu befähigt, vernunftgeleitet unser Zusammenleben zu gestalten, ohne dabei den eigenen Egoismen zu verfallen. Und je früher ein solches Lernen ansetzt, umso sicherer ist, dass wir diese gesellschaftlichen Herausforderungen bewältigen können. Und wenn es um das richtige Lernen geht, dann bringen wir in Kindertageseinrichtungen die besten Voraussetzungen mit.

In einem gut reflektierten Kita-Alltag herrscht ein Lernverständnis vor, das nicht tradierten Mustern folgt. Bei dem nicht festgelegte Auffassungen und Regeln vermittelt werden, um bekannte Situationen zu meistern. Vielmehr geht es um ein Lernen, das nicht nur Wissen vermittelt, sondern zugleich auch eine Veränderung von Haltungen und Verhaltensweisen herbeiführt. In dem bereits 1980 veröffentlichten Bericht »Zukunftschance Lernen« setzen die Mitglieder des Club of Rome auf innovatives Lernen. Und das ist uns in der Kita-Pädagogik durchaus bekannt.

Innovatives Lernen zielt auf Autonomie, also darauf, dass Menschen lernen, eigenständig zu handeln, alternative Lebensentwürfe aufzubauen, die nicht immer dem Zeitgeist entsprechen, und das eigene Leben verantwortlich zu steuern. Neben der Autonomie spielt die Integration beim innovativen Lernen eine mindestens ebenso wichtige Rolle. Gemeint ist damit die soziale Eingebundenheit eines jeden Einzelnen. Dabei sieht sich der autonom und eigenverantwortlich denkende Mensch mit all seinen Handlungen als Bestandteil des Ganzen. Sich gegenseitig achten, sich selbst beschränken, eigene Bedürfnisse in den Hintergrund stellen, um gemeinsame Interessen wahrnehmen zu können, darum geht es beim innovativen Lernen.

All das erwerben Kinder in unseren Einrichtungen dann, wenn sie einen hohen Grad an Beteiligung erfahren, wenn sie spüren, dass ihre Interessen, Fragen und Talente wichtig sind, wenn sie sich als kompetent erleben. Denn so viel ist klar: Zu einem mündigen Bürger, der das Leben der Gesellschaft mitgestalten will, werde ich nur dann, wenn ich selbst in frühen Jahren erfahren habe, mitgestalten zu können. Den anderen in seinem Anderssein zu respektieren setzt voraus, dass ich selbst im Kita-Alltag Wertschätzung erlebt habe. Vertrauen gegenüber meinen Mitmenschen aufzubauen, funktioniert nur dann, wenn man mir selbst Vertrauen entgegengebracht hat.

Nur auf der Grundlage dieser Prinzipien werden aus Kindern Persönlichkeiten, die querdenken, die ihr Leben eigenverantwortlich und solidarisch unabhängig vom Zeitgeist gestalten.

Frank Jansen
Geschäftsführer des Verbands Katholischer Tageseinrichtungen für Kinder (KTK) - Bundesverband e. V.

»Es geht um ein Lernen, das nicht nur Wissen vermittelt, sondern zugleich auch eine Veränderung von Haltungen und Verhaltensweisen herbeiführt.«

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