Standpunkt

Von wegen Bienchen und Blümchen

Sexualpädagogik sollte selbstverständlicher Standard in allen Kitas sein, meint Frank Jansen.

Wir sind mitverantwortlich dafür, dass Kinder gut aufwachsen, dass sie sich altersgerecht entwickeln. Dazu gehört auch die Entwicklung einer gesunden Sexualität. Unsere Aufgabe in Kindertageseinrichtungen ist es, Fragen von Kindern aufzugreifen, mit ihnen gemeinsam nach Antworten zu suchen. Unser Bildungsverständnis erhebt den Anspruch, alle Themen, die Kinder beschäftigen, im pädagogischen Alltag zu berücksichtigen. Also auch das Thema Sexualität. Unsere Arbeit zielt darauf, Kinder darin zu unterstützen, selbstbewusst und verantwortlich handeln zu können. Denn dies hat eine enorm präventive Wirkung, hängt mit dem Thema »Kinderschutz« eng zusammen und ist auch das Ergebnis einer gelungenen Sexualerziehung. Das Thema »Sexualerziehung« finden wir zudem in allen Bildungsplänen, die eine wesentliche Orientierung für die pädagogische Arbeit bieten.
So weit, so gut. Nun googeln Sie im Internet aber mal das Thema »Sexualpädagogik in Kitas«. Viele der Beiträge, die da aufblitzen, wiederholen in der Überschrift oder auch im ersten Absatz gebetsmühlenhaft immer gleiche Formulierungen. In fast jedem Beitrag wird auf ein scheinbares Tabuthema abgestellt, mit dem pädagogische Fachkräfte und Eltern so ihre liebe Not haben. Doktorspiele von Kindern führen darin zu Irritationen und zu Krisensitzungen mit den Eltern.
Sexuelle Bildung in Kitas ist keineswegs Standard. Vielfach hängt es schlichtweg vom Ermessen der Träger und der Kita-Leitungen ab, welche Aufmerksamkeit dem Thema geschenkt wird und mit welchem professionellen Konzept man sich diesem Bildungsbereich widmet. Damit es zum selbstverständlichen Standard wird, brauchen die pädagogischen Fachkräfte nicht nur den Rückhalt ihrer Träger. Sie brauchen auch die Unterstützung der Multiplikatorenebene in unserem Arbeitsfeld, sprich von den Trägerverbänden.
Und das geht. Ein für mich herausragendes Beispiel, wie dieser Rückhalt gestaltet werden kann, liefert das soeben veröffentlichte Curriculum »Sexualpädagogische Fortbildungen in katholischen Kindertageseinrichtungen im Bistum Mainz«, herausgegeben vom Diözesancaritasverband und vom Bischöflichen Ordinariat. Aufgegriffen werden darin beispielsweise Fragen der psychosexuellen Entwicklung von Kindern und deren Begleitung durch Erwachsene oder der Zusammenhang von eigenen sexuellen Kindheitserfahrungen und der fachlichen Haltung zum Thema. Der Anhang des Curriculums hat es in sich: In acht Leitsätzen zur Erziehung, Bildung und Betreuung im Umfeld frühkindlicher Sexualität in Kindertageseinrichtungen werden pädagogische Fachkräfte darin bestärkt, das Thema Sexualerziehung aufzugreifen. »Kinder sind von Geburt an sexuelle Wesen mit eigenen sexuellen Bedürfnissen und Wünschen«, steht in einem der Leitsätze geschrieben. Ganz einfach und wie selbstverständlich kommt dieser Satz daher. Im Ergebnis bedeutet das: Sexualerziehung hat in Kitas genauso eine große Bedeutung wie die sprachliche Bildung. Und wen das irritiert: Geschichten von den Bienchen und Blümchen greifen die Fragen der Kinder nicht auf. Sie sind nicht dafür geeignet, dass Kinder in ihrem Selbstbewusstsein auch Erwachsenen gegenüber gestärkt werden. Szenarien vom »Pollenshuttle« sind da wenig dienlich.

Frank Jansen
Geschäftsführer des Verbands Katholischer Tageseinrichtungen für Kinder (KTK) - Bundesverband e. V.

» Sexualerziehung hat in Kitas genauso eine große Bedeutung wie die sprachliche Bildung. «

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