Standpunkt

Voll vernetzt

Frank Jansen erklärt, was Tablets in der Kita verloren haben.

Die Pressemitteilung des KTK-Bundesverbands vom 27. März 2018 »Digitale Teilhabe beginnt in der Kita« setzt offensichtlich viele Menschen unter Strom. So zum Beispiel den Vorsitzenden des Familienbunds der Katholiken. Gleich zweimal widerspricht Stefan Becker unserer Feststellung, dass Kitas als erste Bildungsinstitutionen allen Kindern gleichberechtigte Teilhabe und Befähigung ermöglichen müssen und dass dazu der Umgang mit dem Tablet genauso notwendig ist wie der mit Bauklötzen und Fingerfarben. Einmal tut er dies in der »Stimme der Familie« (2/18, S. 1) und ein zweites Mal in einem Kommentar in der Augsburger »Sonntagszeitung« vom 27. Mai 2018. Dabei wirft er die Frage auf, ob »Kleinkinder die digitale Welt früher verinnerlichen [sollen] als die reale«.
Die Vorstellung, es gäbe eine »reale« und eine »digitale« Welt und beide seien voneinander getrennt, erinnert an die 1990er Jahre. Damals haben wir uns das noch neue Internet als »Cyberwelt« gedacht, in die uns die »Datenautobahn« führt. Diese Vorstellung entspricht nicht mehr dem, was wir 2018 tatsächlich leben und erleben. Das gilt auch für Kinder. Wenn diese von klein auf beobachten, dass ihre Eltern schon morgens beim Frühstück ins Smartphone schauen, dann gehört dieses Gerät zur Lebenswelt von Kindern und ist real.
Wenn Vierjährige auf dem Tablet der Eltern mit ihren Großeltern skypen, interagieren sie dann mit einer »digitalen Welt«? Sicher nicht.
Pädagogische Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen schreiben Kindern und Eltern nicht vor, mit welchen Geräten wie kommuniziert wird, woher Informationen über das Weltgeschehen eingeholt werden sollen oder welche medialen Angebote von wem in welchem Umfang zu nutzen sind. Vielmehr ist es ihre Aufgabe, die Erfahrungen und Interessen der Kinder aufzugreifen. Wenn digitale Kommunikation, Informations- und Unterhaltungsangebote die Lebenswelt der Kinder prägen, dann sind auch sie ein Thema für die Kita. Aufgabe in den Kindertageseinrichtungen ist es, Kinder darin zu unterstützen, Kompetenzen zu erwerben, die sie für ihr Leben brauchen. Dazu gehört heute auch ein selbstbestimmter und verantwortlicher Umgang mit Medien.
Kinder im Kita-Alter können mühelos verstehen, dass sie ein Recht darauf haben, um ihre Erlaubnis gefragt zu werden, bevor jemand sie fotografiert oder filmt.
Wissen sie das, dann wissen sie auch, dass sie selbst fragen müssen, bevor sie ein Foto einer Person machen. Sie können verstehen, dass ein modernes Mobiltelefon in ihrer Hosentasche laufend Standortdaten überträgt und sein Mikrofon ihnen auch zuhört, wenn sie nicht telefonieren. Um darauf nicht mit dem Gefühl der Machtlosigkeit zu reagieren, sondern sich selbstbewusst und selbstbestimmt dazu verhalten zu können, müssen sie vor allem lernen, dass Computer nichts machen, was ihnen nicht Menschen zuvor beigebracht und befohlen haben.
Die neuen Medien unseres digitalen Zeitalters in Kindertageseinrichtungen zu verdammen oder gar zu ignorieren, entspräche nicht unserem Bildungsverständnis. Alleine schon deswegen gehören auch Tablets in den pädagogischen Alltag integriert.

Frank Jansen
Geschäftsführer des Verbands Katholischer Tageseinrichtungen für Kinder (KTK) - Bundesverband e. V.


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