Editorial
Liebe Leserin, lieber Leser,
ein Kind kniet im Garten und beobachtet minutenlang, wie ein Marienkäfer über seine Hand krabbelt. Ein anderes füllt immer wieder Sand in einen Becher, schüttet ihn aus und beginnt von vorn. Manchem Erwachsenen mögen solche Situationen unspektakulär erscheinen, doch für Kinder sind es wertvolle Lernmomente. Sie erforschen die Welt mit allen Sinnen, entdecken Zusammenhänge und sammeln Erfahrungen, die sich nicht beschleunigen lassen. Für solche Lernmomente brauchen sie Zeit ‒ Zeit zum Staunen, Ausprobieren, Wiederholen und Vertiefen.
»Kinder sind keine Uhrzeit-Menschen«, betont Helia Schneider in ihrem Beitrag ab Seite 8. Sie nimmt das unterschiedliche Zeitempfinden von Kindern und Erwachsenen in den Blick und geht der Frage nach, wie ein gut gelebter Kita-Alltag aussieht, der sich an kindlichen Rhythmen orientiert - und gleichzeitig die pädagogischen Fachkräfte entlastet. Kornelia Schneider stellt das Konzept der »Slow Pedagogy« von Alison Clark vor und nennt Gründe für eine Entschleunigung in der Frühpädagogik. Sie kritisiert: »Die Idee, Kinder möglichst schnell und gut voranzubringen, unterwirft Kinder und Fachkräfte dem Diktat der messbaren Zeit.« (Seite 14) Constanze Blenig legt den Fokus auf die Situation pädagogischer Fachkräfte: »Wer ständig verantwortlich ist, kann nicht einfach loslassen«, macht sie in ihrem Beitrag deutlich. Was es mit dem Begriff Mental Load auf sich hat, warum es Fachkräften in einem System der Daueranspannung schwerfällt, in die Entschleunigung zu gehen, und was Kita-Teams dagegen tun können, verrät sie ab Seite 22. Über ein »Projekt zum Mut zur Langsamkeit« berichtet Matthias Schenk. Was sich dahinter wohl verbirgt? Das erfahren Sie in seinem sehr schön illustrierten Artikel ab Seite 18.
Viele entschleunigende Momente wünscht Ihnen
Ihre
Irene Weber, Chefredakteurin