Titelthema
»Wer ständig verantwortlich ist, kann nicht einfach loslassen«
Weshalb es pädagogischen Fachkräften in einem System der Daueranspannung schwerfällt, in die Entschleunigung zu gehen, und was Kita-Teams dagegen tun können, erklärt Constanze Blenig.
»Elterngespräch zu Max vorbereiten. Entwicklungsdokumentation fertig machen. Ist das Material fürs Atelier angekommen? Windeln nachbestellen. Bei Familie K. nochmal nachfragen, eventuell Leitung informieren. Dienstplan nächste Woche - Diana fällt aus - wer übernimmt den Frühdienst und die Eingewöhnung von Ben? Allergieliste für das Sommerfest aktualisieren. Hat Sarah heute genug gesprochen? Fortbildung anmelden. Später Brot und Milch einkaufen. Geburtstagsgeschenk für die Schwiegermutter. Für die Mathearbeit mit Jonas lernen. Habe ich die E-Mail von der Frühförderstelle schon beantwortet? …«
Die Frage, weshalb Entschleunigung im pädagogischen Alltag häufig so schwerfällt, lässt sich nicht allein durch Zeitmangel erklären. Ein Blick auf die Vielzahl sichtbarer und unsichtbarer Verantwortungen, die viele pädagogische Fachkräfte täglich tragen, eröffnet eine weitere Perspektive.
Wenn in diesem Artikel von Frauen in Care-Arbeit, von Überlastung und Mental Load die Rede ist, geht es nicht um Schuldzuweisungen, sondern um gesellschaftliche Muster, die tief in unseren Vorstellungen von Fürsorge, Verantwortung und »weiblicher« Zuständigkeit verankert sind. Pädagogische Berufe sind bis heute von diesen historischen Rollenbildern geprägt, gleichzeitig übernehmen Frauen1 auch im privaten Alltag nach wie vor einen großen Teil der Sorgearbeit.
Mental Load - die permanente innere Zuständigkeit
Unter Care-Arbeit versteht man alle Formen von Sorgearbeit - sowohl unbezahlt im privaten Bereich als auch professionell durch Fachkräfte wie Erzieher*innen oder Pflegekräfte.2
In Deutschland ist diese Arbeit weiterhin ungleich verteilt. Frauen übernehmen im Durchschnitt deutlich mehr unbezahlte Sorgearbeit als Männer. Der sogenannte »Gender Care Gap« liegt je nach Lebenssituation bei rund 40 bis 45 Prozent. Besonders in Familien mit Kindern steigt die organisatorische und zeitliche Verantwortung häufig vor allem für Frauen deutlich an (Destatis 2022).
Mental Load beschreibt in beiden Kontexten - im privaten wie im beruflichen - die unsichtbare Verantwortung für Planung, Organisation und das gedankliche Mittragen des Alltags anderer. Wörtlich übersetzt bedeutet Mental Load »mentale Belastung«. Die Initiative »Equal Pay Day« definiert ihn als die Last der alltäglichen, unsichtbaren Verantwortung für Organisation, Koordination und emotionale Mitverantwortung in Familie und Beruf.3
Im Alltag zeigt sich Mental Load selten als einzelne Aufgabe, sondern vielmehr als eine dauerhafte innere Zuständigkeit für Planung, Organisation und das Mitdenken kommender Anforderungen. Diese kognitive Arbeit beginnt oft lange vor der eigentlichen Handlung. Im familiären Kontext bedeutet das beispielsweise, Termine zu koordinieren, notwendige Besorgungen vorauszuplanen oder die Bedürfnisse mehrerer Personen gleichzeitig im Blick zu behalten. Weil diese Denkarbeit meist unsichtbar bleibt, wird ihr Umfang häufig unterschätzt. Mental Load wirkt dabei wie eine unsichtbare Schaltzentrale, die ständig mitläuft und die Abläufe des Alltags im Hintergrund zusammenhält.
Mental Load gehört zum pädagogischen Alltag
Mental Load wird häufig mit Familie und privater Sorgearbeit in Verbindung gebracht. Doch viele seiner Merkmale finden sich auch im pädagogischen Alltag wieder. Gerade im frühpädagogischen Bereich treffen hohe Verantwortungsanforderungen häufig auf Personalmangel, Zeitdruck und eine gesellschaftlich vergleichsweise geringe Anerkennung von Care-Arbeit. Für viele Frauen, die weiterhin die Mehrheit in diesem Berufsfeld bilden und auch privat oft einen großen Teil der Sorgearbeit übernehmen, entsteht dadurch eine doppelte Belastung.
Pädagogische Fachkräfte begleiten nicht nur Kinder im Hier und Jetzt, sondern behalten gleichzeitig zahlreiche Prozesse im Blick. Sie beobachten Entwicklungsverläufe, antizipieren mögliche Konflikte, planen Elterngespräche, berücksichtigen individuelle Bedürfnisse und denken organisatorische Anforderungen bereits mit. Diese Form professioneller Beziehungsarbeit erfordert eine hohe emotionale und kognitive Präsenz, die weit über das hinausgeht, was von außen sichtbar wird.
Wer die Ursachen von Daueranspannung ausschließlich bei sich selbst sucht, übersieht leicht die Bedingungen, unter denen Care-Arbeit stattfindet. Entschleunigung ist deshalb nicht nur eine Frage individueller Selbstfürsorge. Sie beginnt auch dort, wo Belastungen gemeinsam verstanden, benannt und getragen werden. Wie kann das im pädagogischen Alltag gelingen?
Was Kita-Teams tun können
1. Belastungen sichtbar machen
Zu verstehen, dass viele Belastungen nicht individuell entstehen, sondern strukturell bedingt sind, kann bereits entlastend wirken. Personalmangel, Zeitdruck und hohe Erwartungen prägen den frühpädagogischen Alltag vieler Einrichtungen. Gleichzeitig wird Care-Arbeit gesellschaftlich oft als selbstverständlich betrachtet. Wer diese Zusammenhänge erkennt, kann Belastungen besser einordnen und muss sie nicht ausschließlich als persönliches Versagen verstehen.
Dafür braucht es Räume für Austausch und Reflexion. Erst wenn Belastungen sichtbar und besprechbar werden, können pädagogische Fachkräfte gemeinsam nach Handlungsmöglichkeiten suchen.
Dies kann ebenso ermöglichen, den Blick auf Lebensrealitäten vieler Familien, insbesondere auf (alleinerziehende) Mütter, die ihre Kinder nach Einschätzung mancher Fachkraft »zu früh bringen«, »zu lange in der Kita lassen«, »sich nicht engagieren« et cetera, verändern und dabei helfen, darüber ins Gespräch zu kommen und mehr gegenseitiges Verständnis zu entwickeln.
2. Solidarität im Team leben
Entlastung entsteht dort, wo Verantwortung nicht stillschweigend bei Einzelnen bleibt. Wenn Teams offen darüber sprechen, welche organisatorischen, emotionalen und oft auch privaten Belastungen jede Person trägt, wächst häufig das gegenseitige Verständnis. Aus Bewertungen und vorschnellen Zuschreibungen kann Unterstützung entstehen.
Solidarität bedeutet dabei nicht, strukturelle Probleme gemeinsam auszuhalten. Sie bedeutet vielmehr, Verantwortung bewusster zu verteilen, Grenzen zu respektieren und die oft unsichtbare Denkarbeit innerhalb des Teams wahrzunehmen und anzuerkennen. Dazu gehört auch, persönliche Belastungsgrenzen nicht als mangelndes Engagement zu bewerten, sondern als notwendige Form des Selbstschutzes ernst zu nehmen.
3. Langsamkeit als Grundlage für Beziehungsqualität
Der Kern frühpädagogischer Arbeit ist die Gestaltung von Beziehungen. Doch Beziehungen brauchen Zeit, Aufmerksamkeit und Präsenz. Genau das gerät unter Druck, wenn pädagogische Fachkräfte dauerhaft innerlich angespannt sind und vielen Anforderungen gleichzeitig gerecht werden wollen und müssen.
Entschleunigung bedeutet dabei nicht, weniger zu leisten - die To-do-Liste schrumpft schließlich nicht auf magische Weise. Eine »Pädagogik der Langsamkeit« (Konzept der Slow Pedagogy von Alison Clark, vgl. den Artikel von Kornelia Schneider in diesem Heft ab Seite 12) kann vielmehr dabei unterstützen, Beziehungsgestaltung wieder stärker in den Mittelpunkt zu rücken, Prioritäten bewusster zu setzen und den Anspruch an perfekte Organisation zu hinterfragen. So können Momente der Ruhe, der Aufmerksamkeit und der echten Begegnung wieder mehr Gewicht bekommen.
Damit eine Pädagogik der Langsamkeit im Alltag überhaupt gelebt werden kann, braucht es jedoch Rahmenbedingungen, die nicht alle Verantwortung auf einzelne Fachkräfte verlagern. Im Sinne einer Verantwortungsgemeinschaft tragen dafür nicht nur Teams, sondern ebenso Träger, Verbände und politische Entscheidungsträger*innen Verantwortung.
4. Bestmöglich statt perfekt
Kinder brauchen, um zu lernen und sich zu entwickeln, keine perfekt funktionierenden Erwachsenen. Sie brauchen Menschen, die präsent sind, ihnen zuhören und feinfühlig auf ihre Signale reagieren können. Entschleunigung beginnt deshalb oft dort, wo der Druck nachlässt, allem und allen gleichzeitig gerecht werden zu müssen.
Vielleicht liegt genau darin ein wichtiger Perspektivwechsel: Es geht in der pädagogischen Arbeit nicht darum, allem jederzeit perfekt gerecht zu werden. Viel realistischer - und oft auch entlastender - ist der Gedanke, im jeweiligen Moment das Bestmögliche zu tun. Wenn sichtbar wird, wie viel Verantwortung pädagogische Fachkräfte tatsächlich tragen, und wenn diese Verantwortung geteilt und gemeinsam reflektiert wird, entsteht Raum für etwas Entscheidendes: für Entlastung, für gegenseitige Unterstützung und für mehr Ruhe im Alltag.
Eine Pädagogik der Langsamkeit bedeutet deshalb auch, den eigenen Anspruch zu verändern - weg von permanenter Perfektion hin zu einer Haltung, die menschliche Grenzen mitdenkt. Und vielleicht entsteht genau daraus eine neue Form von Professionalität: eine, die nicht von Daueranspannung lebt, sondern von Präsenz, Beziehung und gemeinsamer Verantwortung.
Constanze Blenig
Dipl.-Pädagogin, freiberuflich tätig in Beratung, Teamcoaching und Fortbildung von Kindertageseinrichtungen.
Anmerkungen
1 Zur besseren Lesbarkeit werden im Artikel die Begriffe »Frauen« und »Männer« verwendet, da sich die herangezogenen Daten und Studien überwiegend auf diese binären Kategorien sowie heteronormative Partnerschaftsmodelle beziehen. Geschlechtliche Vielfalt wird dadurch unzureichend abgebildet und in den zugrunde liegenden Daten nicht vollständig erfasst. Dies entspricht jedoch nicht der gesellschaftlichen Vielfalt, in der sich Care- und Sorgearbeit tatsächlich vollzieht.
2 Ausführlich beschrieben unter anderem in Roig 2023.
3 https://equalcareday.org/mentalload/#at_home_download (Zugriff am 16. 05. 2026).
Literatur
- Clark, Alison (2023): Slow Knowledge and the Unhurried Child. Time for Slow Pedagogies in Early Childhood Education; London: Routledge
- Roig, Emilia (2023): Das Ende der Ehe. Für eine Revolution der Liebe; Berlin: Ullstein
- Statistisches Bundesamt (Destatis) 2022, www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilun gen/2024/02/PD24_073_63991.html (Zugriff am 15. 05. 2026)